{"id":179,"date":"2015-12-16T13:47:17","date_gmt":"2015-12-16T12:47:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/?page_id=179"},"modified":"2020-12-29T12:00:57","modified_gmt":"2020-12-29T11:00:57","slug":"1-1-theorieansatz-zur-korrespondenz-von-design-und-aesthetischer-erfahrung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.vrabek.de\/design\/1-design-und-aesthetische-erfahrung-innerhalb-der-wirklichkeitsbildenden-basis-von-erfahrung\/1-1-theorieansatz-zur-korrespondenz-von-design-und-aesthetischer-erfahrung\/","title":{"rendered":"1.1 Theorieansatz zur Korrespondenz von Design und \u00e4sthetischer Erfahrung"},"content":{"rendered":"<p>Der Ansatz basiert auf vergleichenden Untersuchungen vieler Theorien zur Thematik (vgl. Verf., damals noch Becker, 2000) sowie auf Beobachtungen des Alltagsverhaltens. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass die \u00e4sthetische Erfahrung als subjektive Empfindung von Lebensqualit\u00e4t viele Facetten umfasst, von denen einige in der vorliegenden Untersuchung dargelegt werden. Mit John Dewey (1859-1952) ist eine \u00e4sthetische Erfahrung als besonderer Erfahrungsmoment, in dem Lebensfreude und Lebensqualit\u00e4t bewusst wird, zu definieren (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">vgl. Dewey, 1995<\/a>). Eine erf\u00fcllende \u00e4sthetische Erfahrung kann somit als Zeichen f\u00fcr die subjektive positive Beurteilung des Lebens, der M\u00f6glichkeiten der Lebensf\u00fchrung und der erreichten Lebensqualit\u00e4t gewertet werden. Da zunehmend mehr Menschen wachsende Freiheiten zur bewussten, reflektierten Lebensf\u00fchrung haben (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">vgl. Schmid, 1998<\/a>), entstehen differenzierte Lebenswege und vielf\u00e4ltige Vorstellungen von Lebensqualit\u00e4t. Dementsprechend sollte Design qualitative Angebote f\u00fcr vielf\u00e4ltige Lebensweisen und die dazugeh\u00f6rigen spezifischen \u00e4sthetischen Erfahrungen entwickeln k\u00f6nnen und sich nicht auf die Gestaltung von Angeboten f\u00fcr die Lebenswirklichkeit einer exponierten Zielgruppe verengen. Hierf\u00fcr ben\u00f6tigen Designer neben der praktischen die analytische Kompetenz, verschiedene Schwerpunkte der \u00e4sthetischen Erfahrung abgrenzen sowie Kriterien f\u00fcr eine entsprechende Gestaltung formulieren zu k\u00f6nnen. Eine Voraussetzung zur Ausbildung dieser Kompetenz ist seitens der Designer eine grunds\u00e4tzliche Offenheit und Verst\u00e4ndnisbereitschaft f\u00fcr die vorurteilsfreie Registrierung unterschiedlicher Facetten der \u00e4sthetischen Erfahrung im Erleben der Menschen. Diese Kompetenz wird zunehmend auch vom Management gefordert, da die Entwicklung der Kundenw\u00fcnsche und der M\u00e4rkte immer komplexer wird und schwieriger vorauszusagen ist (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">vgl. Lester\/Piore\/Kamal, 1998<\/a>). Im Sinne des vorliegenden Ansatzes wird der Weg zum Aufbau dieser Kompetenz in der durch explizite Analysen unter Einbezug philosophischer wie auch wissenschaftlicher Aspekte gewonnenen Kenntnis verschiedener Schwerpunkte und Akzentuierungen der \u00e4sthetischen Erfahrung gesehen.<\/p>\n<p>Zur Erfahrung in einem ganzheitlichen Sinne verstanden, geh\u00f6ren viele Faktoren, welche Erfahrungsgrenzen deutlich machen und \u00fcber diese hinweg reichen k\u00f6nnen. Einige davon beeinflussen die Erfahrungsorganisation besonders charakteristisch. Jedes Charakteristikum wurde im Laufe der Zeit durch unterschiedliche philosophische Sehweisen gedeutet (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">vgl. Verf., damals noch Becker, 2000<\/a>). Daher wird zur folgenden kurzen Darlegung des Theorieansatzes der vorliegenden Arbeit exemplarisch diejenige philosophische Richtung angef\u00fchrt, die in \u00dcbereinstimmung mit der Gesamtuntersuchung die fruchtbarste und sinnvollste Ankn\u00fcpfung zum jeweiligen Untersuchungspunkt bietet. Als elementare Charakteristika f\u00fcr die Erfahrung, die im Erleben jedes Menschen relativ leicht zu unterscheiden sind und von denen keines f\u00fcr die differenzierte Analyse der Erfahrung und der \u00e4sthetischen Erfahrung zu vernachl\u00e4ssigen ist, sind erstens die Bewusstheit, zweitens die K\u00f6rpergebundenheit, drittens die Geschichtlichkeit, viertens der Konkretisierungsbezug und f\u00fcnftens die Verbesserbarkeit zu nennen.<\/p>\n<p>Die Bewusstheit hebt im st\u00e4ndigen Erfahrungsfluss phasenweise besondere Zust\u00e4nde der Aktualit\u00e4t hervorgehoben. Hierbei entwickelt das Bewusstsein eine eigendynamische Grundorientierung. Der vorliegende Ansatz kn\u00fcpft am Verst\u00e4ndnis der Erfahrung und der \u00e4sthetischen Erfahrung von John Dewey an. F\u00fcr Dewey gibt das Bewusstsein den Blick auf zuk\u00fcnftige Handlungsziele frei. Dadurch wird Erfahrung anstelle dem passiven Treibenlassen im Erfahrungsfluss als ein aktives, bewusst bewertbares Handeln konzipierbar. Neuere Erkenntnisse sprechen daf\u00fcr, dass bewusste Entscheidungen nicht allein auf rationalen, sondern sogar st\u00e4rker auf subjektiven, gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfigen Erw\u00e4gungen und Wertungen beruhen. Insbesondere die Qualit\u00e4t und spezielle Ausrichtung einer \u00e4sthetischen Erfahrung \u00e4u\u00dfert sich durch ein bewusstes Gef\u00fchl. Das Charakteristikum der Bewusstheit wird als gef\u00fchlsbezogene Komponente pr\u00e4zisiert.<\/p>\n<p>Das Charakteristikum der K\u00f6rpergebundenheit von Erfahrung wird zunehmend wissenschaftlich untersucht. Nicht mehr Modelle, die von geistigen Eingebungen ausgehen erkl\u00e4ren das Zustandekommen von Erfahrung, sondern Modelle, die den gesamten Organismus und die von diesem abh\u00e4ngigen neuronalen Mechanismen als Grundlage der Erfahrung annehmen. In der KI-Forschung wird die Neurokybernetik, welche die Biologie des Gehirns mit einbezieht, gegen\u00fcber der Konzeption rein formaler Systeme immer wichtiger. Der vorliegende Ansatz nimmt das Modell der Selbstorganisation auf, das von Humberto Maturana und Francisco J. Varela entwickelt wurde (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">vgl. Maturana\/Varela, 1990<\/a>). Aus der Annahme der k\u00f6rpergebundenen Selbst\u00adorganisiertheit von Erfahrung folgt das Problem, dass jeder individuelle Organismus seine spezifische Erfahrung organisiert, dass die Kommunikation dieser Erfahrung nicht als Informations\u00fcbertragung verstanden werden kann und dass die Erfahrungsorganisation nicht als Abbildung einer gegebenen Realit\u00e4t zu interpretieren ist. Das Charakteristikum der K\u00f6rpergebundenheit wird als subliminale Komponente abgegrenzt.<\/p>\n<p>Das Charakteristikum der Geschichtlichkeit erfasst, dass die Erfahrung des Menschen erstens durch seine Lebenszeit begrenzt und durch das Wissen um diese Begrenztheit beeinflusst wird. Zweitens ist die je individuelle Erfahrungsgeschichte in einem gr\u00f6\u00dferen geschichtlichen Zusammenhang eingebettet. Wie ein Mensch f\u00fcr sich diese Einsicht interpretiert und sich die eigne Position im Verh\u00e4ltnis zu anderen Menschen vorstellt, hat Einfluss auf seine Erfahrung und das Empfinden von Lebensqualit\u00e4t. Am deutlichsten wird bei Mary Douglas (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">vgl. Karmasin\/Karmasin, 1997<\/a>), dass der Bereich des Sozialen von dessen individueller Wahrnehmung gepr\u00e4gt und keine feststehende Gr\u00f6\u00dfe ist. Jeder Mensch w\u00e4chst in einem sozialen Kontext auf. Seine Erfahrungen sind stark durch die Beziehungsstrukturen, an denen er sich orientieren muss oder in die er sich selbstverst\u00e4ndlich einf\u00fcgt, gefiltert. Ungeeignet zur Beurteilung \u00e4sthetischer Erfahrung ist daher die Unterscheidung von Banausentum einerseits und Kennerschaft andererseits, denn diese best\u00e4tigt nur soziale Vorurteile. Die soziale Erfahrungsselektion tr\u00e4gt zum Entstehen eines \u00bbblinden Flecks\u00ab hinsichtlich der kulturell und sozial ausgeformten allt\u00e4glichen Wirklichkeitserfahrung bei. Ver\u00e4nderungsm\u00f6glichkeiten werden kaum wahrgenommen und die im sozialen Miteinander geschaffenen \u00e4hnlichen Erfahrungen erscheinen vollkommen selbstverst\u00e4ndlich und naturgegeben. Das Charakteristikum der Geschichtlichkeit wird als soziale Komponente definiert.<\/p>\n<p>Das Charakteristikum des Konkretisierungsbezugs benennt das Bestreben des Menschen, seine eigenen, wichtigen Erfahrungssequenzen in irgendeiner Form zu stabilisieren, zu verdichten oder konkret zu machen und \/ oder bereits vorhandene, konkrete Orientierungspunkte zu finden. In Hinsicht auf die Konkretisierung von Erfahrung kn\u00fcpft der vorliegende Ansatz an den Forschungen von Andr\u00e9 Leroi-Gourhan an. Dieser versucht eine Koevolution von Hand und Wort, bzw. K\u00f6rper und Geist nachzuweisen (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">vgl. Leroi-Gourhan, 1988<\/a>). F\u00fcr ihn ist der Mensch in erster Linie ein mit Phantasie begabtes Wesen und kein M\u00e4ngelwesen, wie zum Beispiel von Arnold Gehlen angenommen. Die doppelte F\u00e4higkeit erstens zur theoretischen Ideengenerierung und zweitens zum praktischen Lernen, f\u00fchrt die Menschen zu immer neuen Erfahrungen, Erfindungen und Konkretisierungen in Form von Medien. Die Welt ist f\u00fcr den Menschen grunds\u00e4tzlich medial konstituiert. Im Verlauf des elementaren Umgangs mit den Elementen des Lebenskontextes bilden sich immer neue Erfahrungen. Diese werden als Medien konkretisiert und beeinflussen wiederum die folgenden Erfahrungen mit. Doch die Eigendynamik, welche die Medien in der Wechselwirkung miteinander entwickeln, setzen der menschlichen Erfahrungsorganisation Grenzen und zwingen ihr beispielsweise die Bew\u00e4ltigung technischer Folgeprobleme auf. Das Charakteristikum des Konkretisierungsbezugs wird als mediale Komponente analysiert.<\/p>\n<p>Das Charakteristikum der Verbesserbarkeit beschreibt den Wunsch oder der Willen, die Erfahrungsdynamik nicht nur geschehen zu lassen oder genauso zu wiederholen, also ihre selbstorganisierte Gestaltetheit zu akzeptieren, sondern sie nach der Vorgabe der Vorstellung von einem als gut und sch\u00f6n zu wertendem Leben verbessernd zu gestalten. Bez\u00fcglich dem Zusammenhang von \u00e4sthetischer Erfahrung und verantwortlichem Handeln pr\u00e4gt die Auffassung von Heinz von Foerster den vorliegenden Ansatz (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">vgl. Foerster, 1988<\/a>). Foerster geht von einer subjektiven ethischen Orientierung aus. Gute Lebensverh\u00e4ltnisse kommen nicht durch die Verwirklichung einer universellen Richtlinie zustande, sondern m\u00fcssen auf die spezifischen Bed\u00fcrfnisse der Individuen ausgerichtet sein. Gestaltung kann sich daher nur nach subjektiven Vorgaben richten. Diese sind jedoch daraufhin pr\u00fcfend zu reflektieren, ob sie das Handeln anderer beschneiden oder weitere Wahlm\u00f6glichkeiten erzeugen und gegebenenfalls zu modifizieren. Die \u00e4sthetische Lebensgestaltung und die Vergr\u00f6\u00dferung des Gestaltungsspielraums steht in einer gleichberechtigten Wechselwirkung mit den individuell zu verantwortenden Handlungsrichtlinien. Durch Gestaltung kann keine totale Neuorganisation der Erfahrung erfolgen. Die Prozesse der Erfahrungsorganisation laufen st\u00e4ndig weiter, ohne M\u00f6glichkeit einer Unterbrechung oder eines Neuanfangs mittels vorher optimierten Komponenten. Design kann aber zumindest regulierend auf die Erfahrungsorganisation einwirken. Hierbei ist erstens zu ber\u00fccksichtigen, dass \u00e4sthetische Erfahrung letztlich immer im subjektiven Bewusstsein zur Entfaltung und zur gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfigen Bewertung kommt. Zweitens ist zu bedenken, dass die individuell variierenden Lebensverh\u00e4ltnisse mit unterschiedlichen Handlungsspielr\u00e4umen und dementsprechend ungleich verteiltem Verantwortungsgewicht verbunden sind. Design sollte daher nicht nur eine Lebensform favorisieren, sondern der Vielfalt \u00e4sthetischer Erfahrungsm\u00f6glichkeiten gem\u00e4\u00df, Gelegenheiten schaffen, diese gew\u00fcnschten und verantwortbaren \u00e4sthetischen Erfahrungen auch auszuleben. Das Charakteristikum der Verbesserbarkeit wird als antizipierende Komponente beschrieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ansatz basiert auf vergleichenden Untersuchungen vieler Theorien zur Thematik (vgl. Verf., damals noch Becker, 2000) sowie auf Beobachtungen des Alltagsverhaltens. 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