{"id":107,"date":"2020-11-30T17:19:00","date_gmt":"2020-11-30T16:19:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/?page_id=107"},"modified":"2020-12-29T14:22:07","modified_gmt":"2020-12-29T13:22:07","slug":"3-2-3-explorative-tendenz-aesthetischer-erfahrung-und-impulsives-potential-von-design","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.vrabek.de\/design\/3-subliminales\/3-2-3-explorative-tendenz-aesthetischer-erfahrung-und-impulsives-potential-von-design\/","title":{"rendered":"3.2.3 Explorative Tendenz \u00e4sthetischer Erfahrung und impulsives Potential von Design"},"content":{"rendered":"<p>Die explorative Tendenz dr\u00e4ngt nach Aktivit\u00e4ten in der unbekannten Au\u00dfenwelt. Diese Welt verhei\u00dft, ob in Form von Wissensangeboten wie Bibliotheken und dem Internet oder in Form von Erlebnisangeboten wie Reisen, Sportereignissen, Museen, unvorhersehbare \u00dcberraschungen. Das einzelne Ereignis bremst den Aktivit\u00e4tsdrang der explorativen Tendenz nur kurz ab, denn schon wird nach dem n\u00e4chsten Ereignis Ausschau gehalten. Ruheloser Erlebnishunger, Wissensdurst oder Abenteuerlust wirken nach dem Motto der Textzeile \u00bbdas n\u00e4chste Tal kann noch gr\u00fcner sein und da hinten gl\u00e4nzt Gold im Sonnenschein\u00ab, aus einem Song von Udo Lindenberg, als unaufh\u00f6rlicher Antrieb. Die explorative Tendenz treibt auch die bewusste Erkenntnissuche an, die Goodman in seiner Interpretation der \u00e4sthetischen Erfahrung als deren wesentlichen Wert hervorhebt, indem er bez\u00fcglich der \u00e4sthetischen T\u00e4tigkeit betont:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bb&#8230; der Anreiz in der Neugier und das Ziel in der Aufkl\u00e4rung liegen. \u00dcber das unmittelbare Bed\u00fcrfnis hinaus werden Symbole um des Verstehens, nicht um der Praxis willen gebraucht; was uns treibt, ist der Wunsch nach Wissen, was uns Freude bereitet, ist die Entdeckung, und die Kommunikation ist gegen\u00fcber dem Erfassen und Formulieren dessen, was kommuniziert werden soll, sekund\u00e4r. Der prim\u00e4re Zweck ist Erkenntnis an und f\u00fcr sich; Brauchbarkeit, Wohlgefallen, Zwang und kommunikative N\u00fctzlichkeit, alle h\u00e4ngen von ihr ab.\u00ab (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">Goodman, 1997, S. 237<\/a>)<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Zusammenhang der vorliegenden Untersuchung wird die expolorative Tendenz nicht als wichtigste Quelle der \u00e4sthetischen Erfahrung definiert. Gleichwohl begleitet sie jedes engagierte wissenschaftliche Forschen, auch das in diesem Untersuchungsprojekt betriebene. Sie findet in der Erkenntnisfreude und der imaginativen Qualit\u00e4t als \u00e4sthetische Erfahrung ihre bewusste Auspr\u00e4gung.<\/p>\n<p>In der Vergangenheit hat die explorative Tendenz bereits verschiedene Ausformungen angenommen und soziale Wertungen erfahren, die in der Literaturgeschichte zum Ausdruck kommen. Im Unterschied zu den zuvor umrissenen Tendenzen entwickelt das Verhalten unter dem Einfluss der explorativen Tendenz in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00df ver\u00e4ndernde Tatkraft. Diese betrifft nicht nur die Erfahrung eines individuellen Akteurs. Sie beeinflusst auch andere Erfahrungskomponenten mit. Daher ist es sinnvoll, die Anregung zum Ausleben der explorativen Tendenz mit einem erzieherischen Anspruch zu verbinden. Beispielhaft stellt Hans Jakob C. von Grimmelshausens (1625\u00ad-1676) Entwicklungsroman \u00bbDer abenteuerliche Simplicissimus\u00ab von 1669 dar, wie ein Abenteurer auf seiner Entdeckungsreise durch die Welt Erfahrungen sammelt, die ihn zur inneren Reife f\u00fchren. Wolfram von Eschenbach (ca. 1170-\u00ad1220) schildert in dem Epos \u00bbParzival\u00ab von 1210 nach der Vorlage von Chr\u00e9tien de Troyes (ca. 1191-\u00ad1144) einen abenteuerlustigen Helden, der letztlich seine Energie durch die Suche nach dem Gral auf ein f\u00fcr alle lohnenswertes Ziel hin kanalisiert. Auch der Abenteurer Don Quijote aus dem gleichnamigen Roman von 1605 l\u00e4sst nach dem Willen seines Sch\u00f6pfers Miquel de Cervantes Saavedra (1547-\u00ad1616) seiner explorativen Tendenz keinen freien Lauf, sondern schaltet seine Wertvorstellungen als Filter vor und interpretiert die Ereignisse trotz Irritationen im Sinne seiner Erwartungen und weltverbesserischer Anliegen. Dagegen stellt Homer um 800 v. Chr. in der bunten Schilderung der Abenteuer des Odysseus, der sich seiner explorativen Tendenz hingibt, keine belehrende Botschaft in den Mittelpunkt. Der Kinderbuchautor Janosch thematisiert einen wesentlichen Lerneffekt von explorativen Phasen in seiner Erz\u00e4hlung \u00bbOh, wie sch\u00f6n ist Panama\u00ab von 1986, in der die Abenteurer nach einer Wanderung im Kreis wieder vor ihrem Haus landen, das sie nun mit neuen Augen sehen und mit st\u00e4rkerer Zuneigung genie\u00dfen.<\/p>\n<p>All diese Beispiele verbindet die Gemeinsamkeit, dass die Entdeckungsreise der Hauptfiguren in irgendeiner Form zu einem Ende kommt. Dagegen repr\u00e4sentieren die Science-Fiction-Serien, die mit \u00bbRaumschiff Enterprise\u00ab begannen, eine zeitgem\u00e4\u00dfere Umsetzung von modernen Vorstellungen zur explorativen Tendenz. Deren Aspekte und Lerneffekte werden als punktuelle Impulse auf einem unvorhersehbaren menschheitsgeschichtlichen Entwicklungsweg dargestellt, dessen Ende im Prinzip offen bleibt.<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich dieser aufkl\u00e4rerischen Weltvorstellung liegt die prinzipielle Bedeutung und Aktualit\u00e4t von Design in der Auffassung, dass die Entdeckung der punktuellen Impulse weder im Laufe des individuellen, noch des sozialen Auslebens der explorativen Tendenz allein dem Zufall \u00fcberlassen werden darf, sondern durch strategisch geplante Angebote wenigstens erg\u00e4nzt werden muss (<a href=\"\/design\/6-antizipierendes\/\">vgl. Kapitel 6<\/a>). Diese \u00dcberzeugung von der M\u00f6glichkeit einer bewussten Einflussnahme auf Ver\u00e4nderungstendenzen steht als Leitmotiv letztlich hinter jeder Kategorie von Design, auch wenn im Kontext dieser Analysen nicht von einer einzigen, richtigen, fraglos zu unterst\u00fctzenden Tendenz die Rede sein kann. In diesem Sinne geben auch sensitives und animatives sowie die sp\u00e4ter zu analysierenden speziellen Ausrichtungen von Design mehr als nur zuf\u00e4llige Impulse.<\/p>\n<p>Hinsichtlich der explorativen Tendenz sind zwei Bez\u00fcge zu Design hervorzuheben, die st\u00e4rker als bei den anderen subliminalen Tendenzen dessen Einflussm\u00f6glichkeit auf die Erfahrungskonstruktion betonen. Erstens ist dies die Aufgabe, die dr\u00e4ngende Neugier und auf alles einst\u00fcrmende Kraft der explorativen Tendenz zu z\u00e4hmen und in konstruktive Bahnen zu lenken. Zweitens geht es darum, gezielte Anst\u00f6\u00dfe zur F\u00f6rderung eines positiven Entwicklungsflusses anzubieten. Auf diese Aufgaben hin ist das impulsive Potential von Design zu konzipieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die explorative Tendenz dr\u00e4ngt nach Aktivit\u00e4ten in der unbekannten Au\u00dfenwelt. 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