{"id":105,"date":"2020-11-30T17:18:00","date_gmt":"2020-11-30T16:18:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/?page_id=105"},"modified":"2020-12-29T14:19:40","modified_gmt":"2020-12-29T13:19:40","slug":"3-2-2-introvertierte-tendenz-aesthetischer-erfahrung-und-animatives-potential-von-design","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.vrabek.de\/design\/3-subliminales\/3-2-2-introvertierte-tendenz-aesthetischer-erfahrung-und-animatives-potential-von-design\/","title":{"rendered":"3.2.2 Introvertierte Tendenz \u00e4sthetischer Erfahrung und animatives Potential von Design"},"content":{"rendered":"<p>Die introvertierte Tendenz zieht das bewusste Empfinden zu einer inneren Tiefe, der Seele. In der Versunkenheit, dem innerlichen Kreisen um ein Thema, das die introvertierte Tendenz in Gang h\u00e4lt, macht das Bewusstsein um \u00e4u\u00dfere Rahmenbedingungen wie Situation, Raum und Zeit dem innerlichen Erleben von Erinnerungen, momentanen Empfindungen, Vorstellungen und Phantasien Platz. Ob angenehme, aufw\u00fchlende, schwierige Erlebnisse, sie alle k\u00f6nnen die introvertierte Tendenz aktivieren. Eine passende \u00e4sthetische Erfahrung f\u00fcr diese nach innen gerichtete Bewegtheit l\u00e4sst sich mit der Formulierung: \u00bb<em> und Maria h\u00f6rte diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen<\/em>\u00ab, aus der Weihnachtsgeschichte ann\u00e4herungsweise ebenso veranschaulichen wie mit Auguste Rodins (1840-\u00ad1917) Skulptur \u00bbDer Denker\u00ab von 1880 oder dem 1514 entstandenen Kupferstich \u00bbMelancholie\u00ab von Albrecht D\u00fcrer (1471-\u00ad1528). Die entr\u00fcckte Aktivit\u00e4t der introvertierten Tendenz im Wachzustand l\u00e4sst sich mit dem Tr\u00e4umen im Schlaf vergleichen. \u00c4hnlich wie im Traum, dessen Funktion je nach Theorie darin gesehen wird, das tags\u00fcber Erlebte nach M\u00fcll oder Verwertbarem zu sortieren oder als Quelle f\u00fcr Erkenntnis L\u00f6sungsans\u00e4tze f\u00fcr Probleme zu generieren, konzentriert die introvertierte Tendenz alle Kr\u00e4fte auf das innerliche Erleben von Motivation, Kognition und Emotion. Wie Versuche beweisen, macht Schlafentzug psychisch krank, weil keine M\u00f6glichkeit zum Tr\u00e4umen besteht. Vergleichsmessungen zur Gehirnaktivit\u00e4t und Beobachtungen der Augenbewegungen von Schl\u00e4fern, die glaubten nicht zu tr\u00e4umen und solchen, die sich an ihre Tr\u00e4ume erinnern konnten, belegen, dass es bei beiden Gruppen Traumphasen gibt. Entsprechend ist zu vermuten, dass Menschen je nach ihrer charakterlichen Eigenart und den Lebensumst\u00e4nden mehr oder weniger h\u00e4ufig auch tags\u00fcber Phasen durchleben, in denen die introvertierte Tendenz gegen\u00fcber anderen Tendenzen Vorrang gewinnt. Differenzierter als die generelle Anklage der Reiz\u00fcberflutung verdeutlicht die Annahme einer subliminal eingeleiteten introvertierten Tendenz die Notwendigkeit, sich je nach Verfassung \u00f6fters aus dem allgemeinen Treiben zur\u00fcckzuziehen, die aufgefangenen Reize zu sortieren, eine Pause einzulegen, sich zu besinnen und sich selbst und den Sinn des eigenen Tuns wiederzufinden.<\/p>\n<p>Bei einer Umfrage zur treffendsten Bezeichnung der Gesellschaft gaben sechzig Prozent der Befragten den Begriff Leistungsgesellschaft an. Unklar bleibt, ob die Befragten damit Positives oder Negatives konnotierten. Der introvertierten Tendenz in ausreichendem Umfang nachzugehen erbringt zumindest vordergr\u00fcndig gesehen keine direkt verwertbaren Leistungen, weshalb daf\u00fcr zu selten Gelegenheit geboten wird.<\/p>\n<p>Die seelische oder mentale Befindlichkeit ist eine grundlegende Einflussgr\u00f6\u00dfe f\u00fcr die Qualit\u00e4t der \u00e4sthetischen Erfahrung. Sie mag zwar hinsichtlich der Konzeption von auf soziokulturelle Wirkung angelegten Projekten eher vernachl\u00e4ssigbar sein, keinesfalls jedoch bei der Konzeption von Projekten, die das allt\u00e4gliche Leben betreffen und durch wiederholte Interaktion im Nahfeld des einzelnen aufgenommen werden. Zu den allt\u00e4glichen Dingen, die das Leben begleiten, dem Sessel, der Kaffeetasse usw. wird mit der Zeit eine mentale N\u00e4he aufgebaut. Es scheint so, als w\u00e4ren die Dinge vom Geist des Nutzers beseelt. Umgekehrt tr\u00e4gt jeder diejenigen Dinge zusammen, von deren \u00e4sthetischer Erscheinungsweise er sich angesprochen f\u00fchlt. Empfindungen werden auf Dinge projizierst, die dadurch ihrerseits beseelt erscheinen. Nahverh\u00e4ltnisse, in denen die Dinge als Impulse f\u00fcr eine \u00e4sthetische Ber\u00fchrung der eigenen Seele angenommen werden, entstehen. Sie bilden die Grundlage f\u00fcr Vertrautheit und verantwortliche Behutsamkeit im Umgang mit dem Lebenskontext. Daher ist das Entstehen mentaler N\u00e4he im Mensch-Objekt-Bezug durch das animative Potential von Design zu f\u00f6rdern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die introvertierte Tendenz zieht das bewusste Empfinden zu einer inneren Tiefe, der Seele. 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