{"id":792,"date":"2020-12-28T14:35:00","date_gmt":"2020-12-28T13:35:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/?p=792"},"modified":"2020-12-29T13:47:53","modified_gmt":"2020-12-29T12:47:53","slug":"kommunikation-zum-hauptkriterium-der-geschmacklichen-gemeinsamkeit-bezueglich-der-perzeptiven-qualitaet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/2020\/12\/28\/kommunikation-zum-hauptkriterium-der-geschmacklichen-gemeinsamkeit-bezueglich-der-perzeptiven-qualitaet\/","title":{"rendered":"Kommunikation > Zum Hauptkriterium der \u00bbgeschmacklichen Gemeinsamkeit\u00ab bez\u00fcglich der perzeptiven Qualit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p><svg xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" style=\"margin:0 8px -8px 0; float: left\" width=\"180px\" height=\"90px\"><image xlink:href=\"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/i2_formativ.svg\" src=\"\" width=\"180px\" height=\"90px\" alt=\"formative Aktualit&auml;t\"  \/><\/svg> Die Wertung von \u00e4sthetischem Reizmaterial als Eigenwert und die Qualit\u00e4t der Entfaltung von reflektierter Sinnlichkeit bez\u00fcglich dieser Reize ist f\u00fcr Kant mit dem Anspruch auf Zustimmung durch den Gemeinsinn verbunden und im Apriorischen verankert. Demjenigen, der hierzu nicht f\u00e4hig ist, bescheinigt Kant einen \u00bbbarbarischen Geschmack\u00ab. In der Folge bediente sich das Bildungsb\u00fcrgertum zunehmend dieses Arguments, pflegte den guten Geschmack und begr\u00fcndete dadurch eine Gemeinsamkeit, aus der alle diejenigen, welche diesen Geschmack nicht teilten, ausgeschlossen blieben. Man hielt sie im Grunde f\u00fcr geistig minderbemittelt, wenn sie unf\u00e4hig waren, intuitiv die Besonderheit eines \u00e4sthetischen Objekts zu erfassen. Es schien so, als g\u00e4be es nur einen richtigen guten Geschmack. Indem sich jeder gebildete Mensch bem\u00fchte, seine \u00e4sthetischen Wertungen dieser Norm anzugleichen, wurde sie immer weiter best\u00e4tigt. Gemeinsamkeit und Kompetenz zur entsprechenden Geschmacksbildung begr\u00fcndeten sich gegenseitig. Aber diese Gewachsenheit des Geschmacks aus der kommunikativen Praxis der Bildungsb\u00fcrger wurde von ihnen selbst nicht erkannt. Der Soziologe Pierre Bourdieu analysierte die soziologischen Bedingungen der M\u00f6glichkeit von \u00e4sthetischen Wertungen und deckte die Nutzung des Geschmacks als Unterscheidungskriterium zur Festigung sozialer Hierarchien auf.<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbDamit die Gebildeten an die Barbarei glauben und ihre Barbaren im Lande von deren Barbarei \u00fcberzeugen k\u00f6nnen, gen\u00fcgt es, dass sie es fertig bringen, die sozialen Bedingungen zu verschleiern (auch sich selbst zu verschleiern), auf denen nicht nur die als zweite Natur verstandene Bildung beruht, an der die Gesellschaft die menschliche Auszeichnung oder den bon go\u00fbt als Verwirklichung in einem von der \u00c4sthetik der herrschenden Klassen bestimmten Habitus erkennt, sondern auf die dar\u00fcber hinaus auch die legitimierte Herrschaft sich st\u00fctzt \u00ad oder, wenn man so will, die Legitimit\u00e4t eines partikularen Begriffs von Bildung. Und auf das der ideologische Zirkel sich vollst\u00e4ndig schlie\u00dfe, bedarf es nur noch der Vorstellung von einer Art Wesenszweiteilung ihrer Gesellschaft in Barbaren und Zivilisierte, um ihr Recht best\u00e4tigt zu finden, \u00fcber die Bedingungen zu verf\u00fcgen, nach denen der Bildungsbesitz und der Ausschluss von diesem Besitz, d. h. ein Naturzustand produziert wird, der notwendig so erscheinen muss, als sei er in der Natur jener Menschen begr\u00fcndet, die an ihn ver\u00e4u\u00dfert sind.\u00ab (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">Bourdieu, 1974, S. 197 f.<\/a>)<\/p><\/blockquote>\n<p>Bourdieu zeigt erstens, dass sich weder Gemeinsamkeit noch Geschmack weiterhin durch Berufung auf einen allseits verbreiteten Gemeinsinn begr\u00fcnden lassen und nur kommunikativ entwickelbar sind. Zweitens konfrontiert er das Individuum mit der Tatsache, dass die subjektive Geschmacksbildung immer schon durch das soziale Umfeld vorgepr\u00e4gt ist. Drittens stellt er den Anspruch der herrschenden Klasse auf die Bestimmung dessen was Bildung und eben auch Geschmack sein soll, in Frage (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">vgl. dazu auch T. Veblen, 1993<\/a>).<\/p>\n<p>Aus all dem folgt, dass in einem aktualisierten philosophischen Modell der apriorische Anker dynamisch und zus\u00e4tzlich an verschiedenen Positionen platzierbar vorzustellen ist. Die Entwicklung von Gemeinsamkeit, die sich in einem gemeinsamen Geschmack ausdr\u00fcckt, ist nicht mehr allein durch die Teilnahme am bildungsb\u00fcrgerlichen System legitimiert, sondern ist im Prinzip von jeder sozialen Gruppierung zu betreiben. Insbesondere junge Menschen artikulieren ihre Gemeinsamkeit durch formale Mittel wie Musik, Kleidung, Begr\u00fc\u00dfungsrituale. Nach Bourdieu&#8217;s Theorie werden diese formalen Mittel zur Abgrenzung und Unterscheidung ebenso wie zur Demonstration von Gemeinsamkeit und Zugeh\u00f6rigkeit genutzt. Bei l\u00e4ngerem Bestehen solcher Szenen oder Subkulturen, wie beispielsweise Punk und Techno, oder anhaltendem Interesse an bestimmten Ausdrucksformen und Genres, wie Rock\u00ad Musik, B\u00ad-Movies, Flyer usw., kommt es genauso wie in der politisch als solche definierten Hauptkultur zur zunehmenden Verfeinerung, Spezialisierung und differenzierten Qualifizierung der formalen Mittel und der gemeinsamen Kultivierung von geschmacklicher Kennerschaft.<\/p>\n<p>Das Ein\u00fcben einer innerlich distanzierten Beobachtungsweise, welche beispielsweise professionelle Designer und alle an der Planung von Werbekampagnen oder Konzepten f\u00fcr Corporate Identity beteiligten Personen praktizieren sollten, m\u00fcsste anhand einem demonstrativ zur Schau gestellten Stilpluralismus auch den Laien leichter fallen. Was durch das Zappen zum Sammeln von Material als Basis f\u00fcr vergleichende Analysen von Ausdrucksformen geschmacklicher Gemeinsamkeit zwischen verschiedenen Fernsehsendern, Sekten, Theorien, Lebensstilen, Szenekneipen usw. an Authentischem verloren geht, kann an aufgekl\u00e4rtem Bewusstsein, auch hinsichtlich der eigenen Position, hinzugewonnen werden. Das Reflektieren von \u00c4sthetischem muss nicht mit der Verweigerung der pers\u00f6nlichen Teilnahme an der kommunikativen Pflege und Entwicklung geschmacklicher Gemeinsamkeit einhergehen. Weitere Wertungsdimensionen f\u00fcr die Reflexion werden aber erst durch das Hinterfragen eigener Gewohnheiten und dem entsprechenden Naivit\u00e4tsverlust bez\u00fcglich der \u00e4sthetischen Urteilsbildung erschlie\u00dfbar. Dies gilt f\u00fcr den in modischen Accessoires schwelgenden Friseur ebenso, wie f\u00fcr den, einem asketischen, minimalistischen Formenkanon nacheifernden Architekten oder Designer. Keine Ausdrucksform geschmacklicher Gemeinsamkeit ist von sich aus besser oder h\u00f6her zu stellen als eine andere.<\/p>\n<h2>Beispiel f\u00fcr die formative Aktualit\u00e4t von Design<\/h2>\n<p>Seit den 80er Jahren hat sich das neue Gebiet der Lebensstil- und Trend-Forschung (<a href=\"\/design\/4-soziales\/4-1-modell-zur-organisationsdynamik-der-sozialen-komponente\/\">vgl. Kapitel 4.1<\/a>) etabliert und viele Firmen versuchen mit ihren Produkten und ihrem Firmenimage von bereits vorhandenen geschmacklichen Gemeinsamkeiten bestimmter Zielgruppen oder von deren Initiierung durch trendgerechtes Design zu profitieren. Eher traditionell geht dabei beispielsweise die Firma Ritzenhoff vor, die anstelle von Sammeltassen oder Wandtellern Milchgl\u00e4ser, die von K\u00fcnstlern und Designern gestaltet sind, anbietet und auch einen \u00bbMilch-Club\u00ab gegr\u00fcndet hat.<\/p>\n<p>Private Fernsehsender versuchen ebenfalls die geschmackliche Gemeinsamkeit ihre Zielgruppe durch Zusatzprodukte und Club-Angebote auszubauen. Das Werbekonzept der Firma Nike beschr\u00e4nkt sich nicht mehr auf traditionelle Werbeformen, hinzu kommt verst\u00e4rkt Sponsoring von Sportveranstaltungen, wie Streetball, bei denen Kinder und Jugendliche Gemeinsamkeit erleben die durch Produkte und den Stil einer Firma vermittelt wird. Durch Gew\u00f6hnung, bzw. Habituation, soll aus dieser geschmacklichen Gemeinsamkeit eine Produktbindung entstehen, welche die Kids zu sicheren Kunden der Sportbranche aufbaut. Ein Kind nimmt eine solche Veranstaltung noch im authentischen Sinne als Lebensgef\u00fchl wahr, Jugendliche sind schon kritischer und Erwachsene m\u00fcssten diese Kommunikationsstrategien zur Produktbindung vollkommen durchschauen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wertung von \u00e4sthetischem Reizmaterial als Eigenwert und die Qualit\u00e4t der Entfaltung von reflektierter Sinnlichkeit bez\u00fcglich dieser Reize ist f\u00fcr Kant mit dem Anspruch auf Zustimmung durch den Gemeinsinn verbunden und im Apriorischen verankert. Demjenigen, der hierzu nicht f\u00e4hig ist,&hellip;  <\/p>\n<p class=\"more-link\"><a href=\"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/2020\/12\/28\/kommunikation-zum-hauptkriterium-der-geschmacklichen-gemeinsamkeit-bezueglich-der-perzeptiven-qualitaet\/\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":984,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[27,28],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/792"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=792"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/792\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1390,"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/792\/revisions\/1390"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/media\/984"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=792"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=792"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=792"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}