{"id":785,"date":"2020-12-28T14:11:00","date_gmt":"2020-12-28T13:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/?p=785"},"modified":"2020-12-29T13:39:34","modified_gmt":"2020-12-29T12:39:34","slug":"selbstreflexion-zum-hauptkriterium-der-reflektierten-sinnlichkeit-bezueglich-der-perzeptiven-qualitaet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/2020\/12\/28\/selbstreflexion-zum-hauptkriterium-der-reflektierten-sinnlichkeit-bezueglich-der-perzeptiven-qualitaet\/","title":{"rendered":"Selbstreflexion > Zum Hauptkriterium der \u00bbreflektierten Sinnlichkeit\u00ab bez\u00fcglich der perzeptiven Qualit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p><svg xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" style=\"margin:0 8px -8px 0; float: left\" width=\"180px\" height=\"90px\"><image xlink:href=\"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/i2_formativ.svg\" src=\"\" width=\"180px\" height=\"90px\" alt=\"formative Aktualit&auml;t\"  \/><\/svg> Wenn die Erfahrung als perzeptive Qualit\u00e4t bewertet wird, ist das bewusste Selbst in seiner Gegebenheitsweise Thema ohne jegliche Interpretation oder Wertung des seelischen Zustands. Unter diesem Blickwinkel ist das Selbst aber allein durch das Bewusstsein von sinnlichem Reizmaterial gegeben. Das Hauptkriterium der reflektierten Sinnlichkeit bewertet daher ausschlie\u00dflich das reflektierende, vergn\u00fcgliche Spiel mit dem die bewusste Selbsterfahrung konstituierenden, pr\u00e4senten Sinnesmaterial. Fragen der Art, welche Bedeutung diese Sinnesreize haben, ob sie von nat\u00fcrlichen oder k\u00fcnstlichen, von kostbaren oder banalen Objekten ausgehen oder welche Gef\u00fchle, wie der Wunsch, ein Objekt zu besitzen, oder eine angenehme Empfindung sie sonst hervorrufen, bleiben ausgeklammert. Dadurch unterscheidet sich die reflektierte Sinnlichkeit vom ungebremsten, lustvollen Genuss Durch die distanzierte, subjektive Reflexion des \u00e4sthetischen Reizmaterials kann dieses in seinem Sosein bestehen bleiben.<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbIndem n\u00e4mlich das Subjekt im Geschmacksurteil sich scheinbar nur auf sich selbst konzentriert und ganz vom Gegenstand absieht, ihn weder dem Begriff noch dem Begehren unterwirft, verzichtet es darauf, sich den Gegenstand zu eigen zu machen und l\u00e4sst ihm gerade dadurch zum ersten Mal die M\u00f6glichkeit in seinem Selbstsein, seiner besonderen und irreduziblen Wirklichkeit, die sich wie die praktische Vernunft selbst ihr Gesetz zu geben scheint, hervorzutreten.\u00ab (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">Hauskeller, 1994, S. 218<\/a>)<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Konzentration auf den \u00e4sthetischen Eigenwert wird in der \u00c4sthetik anstelle von Sinnlichkeit auch mit Kontemplation bezeichnet. Meist steht Kontemplation f\u00fcr die anschauende Versenkung, mit dem Ziel, dem Wahrhaftigen, G\u00f6ttlichen, n\u00e4her zu sein. So auch in der Konzeption von Plotin, der die Kontemplation als h\u00f6chste Stufe \u00e4sthetischer Erfahrung deutet. Diese Assoziation zum Sakralen bricht Martin Seel auf, indem er mit Kontemplation ganz profan einen, von anderen wichtigen Aspekten des \u00c4sthetischen benennt. Seel definiert die \u00e4sthetische Erfahrung unter dem kontemplativen Aspekt durch die Scheidung der Sinne vom Sinn. Er belegt exemplarisch, dass sie sich besonders gut mittels der Anschauung von Nat\u00fcrlichem entwickelt (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">vgl. Seel, 1996<\/a>).<\/p>\n<p>Wie schwierig es ist, k\u00fcnstlerische Objekte zu gestalten, die zur gezielten, rein kontemplativen Rezeption f\u00fchren, zeigen Werke, die der konkreten Kunst zuzurechnen sind wie Arbeiten von Josef Albers u. a. Diese Werke dienen weder einem praktischen Zweck noch sprechen sie das Gef\u00fchl oder psychologische Deutungen an, und doch entwickelt sich die kontemplative Rezeption, das reine Spiel der Sinnlichkeit, nur eingeschr\u00e4nkt. Mit ein Grund hierf\u00fcr ist die Reduktion auf elementare Gestaltungsmittel und geometrische Anordnungen. Kant bemerkt hierzu:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbAlles Steif-Regelm\u00e4\u00dfige (was der mathematischen Regelm\u00e4\u00dfigkeit nahe kommt) hat das Geschmackswidrige an sich: dass es keine lange Unterhaltung mit der Betrachtung desselben gew\u00e4hrt, sondern, sofern es nicht ausdr\u00fccklich die Erkenntnis oder einen bestimmten praktischen Zweck zur Absicht hat, lange Weile macht.\u00ab <a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">(Kant, 1979, S. 163<\/a>)<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist schwer, auf ein Minimum an Gestaltungsmitteln reduzierte und konzentrierte Objekte in ihrem reinen Eigenwert, dem syntaktischen Sosein, der reflektiven Sinnlichkeit zu entfalten, ohne an der Reflexion elementarer Bedingungen der Wahrnehmung wie dem Vergleich der Organisation der Gestaltelemente mit Gestaltgesetzen oder der Beziehung des Werks mit seinem r\u00e4umlichen Kontext haften zu bleiben oder die \u00e4sthetische Reflexion zu verlassen und in die intellektuelle Reflexion, die rein theoretische Kontemplation, \u00fcberzugleiten. Sinnliche Kontemplation oder reflektierte Sinnlichkeit kombiniert isolierte Reize spielerisch miteinander und ist als Dynamik vom Vielgliedrigen, Ungeordneten zum Einfachen, Harmonischen oder umgekehrt entwickelbar.<\/p>\n<p>Die Ausrichtung von Design auf die formative Aktualit\u00e4t sollte eine Balance zwischen Sinnlichkeit und Reflexion herstellen, um nicht durch zu hohe Ordnung jede Sinnlichkeit auszuschalten oder umgekehrt durch zu viele \u00e4sthetische Reize die Reflektierbarkeit nicht lahmzulegen.<\/p>\n<h2>Beispiel f\u00fcr die formative Aktualit\u00e4t von Design<\/h2>\n<p>Der st\u00e4dtische Raum sollte weder zu steril gestaltet sein, noch einer chaotischen Eigendynamik \u00fcberlassen werden. Plakatierungen sind eine M\u00f6glichkeit, Farbflecken zu arrangieren, welche die Sinne anregen. Das gro\u00dffl\u00e4chige Rot eines Plakats korrespondiert mit der groben Struktur eines Stahltr\u00e4gers, vorbeigehende Menschen erzeugen mit ihrer farbigen Kleidung wechselnde Kompositionen. Auch typografische Zeichen werden im Vor\u00fcbergehen nicht immer gelesen, sondern einfach als anregende Strukturen wahrgenommen, die in architektonischen Elementen formal wieder auftauchen. Zuf\u00e4llige, zusammenhanglose Ger\u00e4usche wie vorbei brausende Autos, ein ferner Presselufthammer, das Gespr\u00e4ch von Passanten oder das Rauschen der Wasserleitungen organisieren sich im Bewusstsein zu einer Melodie. Es kann auch zu einer Vermischung von den Reizen kommen, die momentan wahrgenommen werden, und solchen, die aus der Erinnerung auftauchen.<\/p>\n<p>Oft ist es auf Reisen in fremden St\u00e4dten faszinierend, nur die Ger\u00e4uschkulisse aufzunehmen. Akustische Reize, die in der bekannten Umgebung gar nicht mehr geh\u00f6rt oder unmittelbar der bekannten Bedeutung zugeordnet werden, gewinnen durch ihre Fremdartigkeit eine neue, bewusst erfahrbare Sinnesqualit\u00e4t. Von daher erkl\u00e4rt sich der Erfolg von Musikst\u00fccken von Ethno-Pop bis zu Gregorianischem Gesang, die ohne Bezug auf ihre Entstehungsgeschichte oder religi\u00f6se \u00dcberzeugungen, also ungeachtet ihres Inhalts, als formative Kompositionen produziert und rezipiert werden.<\/p>\n<p>Im Restaurant geht es oft weniger um die Nahrungsaufnahme als vielmehr um das Vergn\u00fcgen am Schmecken und Riechen der verschiedenen Speisen und Getr\u00e4nke. Viele Nahrungsmittel werden nicht deshalb gegessen oder getrunken, weil sie besonders angenehm schmecken, sondern weil sie einen speziellen Geschmack oder Geruch haben, der die gustatorische und olfaktorische Sinnlichkeit bereichert.<\/p>\n<p>Die Unterscheidung zwischen dem gierig schlemmenden Gourmand und dem genussvoll speisenden Gourmet eignet sich dazu, die N\u00e4he der selbstzweckhaften \u00e4sthetischen Einstellung zu Dekadenz und Egoismus aufzuzeigen. Die der perzeptiven Qualit\u00e4t entsprechende Selbstreflexion unter dem Hauptkriterium der reflektierten Sinnlichkeit kann auch als einzige Art des Selbstbezugs kultiviert werden. Diese Reduktion des Selbstkonzepts vollziehen wenige Menschen mit. Deshalb eignet sie sich als Mittel zur sozialen Abgrenzung. Es kommt vor, dass die Reduktion zur Basis einer gesamten Lebensanschauung wird, wobei offen bleiben kann, ob deren Verk\u00fcnder sie nur nach au\u00dfen zur Schau stellt oder von ihr \u00fcberzeugt ist. Dann entsteht der Typ des elit\u00e4r und weltfremd wirkenden \u00c4stheten, der seine auf die reflektierte Sinnlichkeit reduzierte Weltsicht als einzig richtige kultiviert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn die Erfahrung als perzeptive Qualit\u00e4t bewertet wird, ist das bewusste Selbst in seiner Gegebenheitsweise Thema ohne jegliche Interpretation oder Wertung des seelischen Zustands. Unter diesem Blickwinkel ist das Selbst aber allein durch das Bewusstsein von sinnlichem Reizmaterial gegeben. 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