{"id":394,"date":"2020-12-16T18:27:00","date_gmt":"2020-12-16T17:27:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/?page_id=394"},"modified":"2020-12-29T15:15:44","modified_gmt":"2020-12-29T14:15:44","slug":"6-2-kategorie-der-perspektivitaet-von-design-in-korrespondenz-zur-antizipierenden-verbesserung-aesthetischer-erfahrung","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/6-antizipierendes\/6-2-kategorie-der-perspektivitaet-von-design-in-korrespondenz-zur-antizipierenden-verbesserung-aesthetischer-erfahrung\/","title":{"rendered":"6.2 Kategorie der Perspektivit\u00e4t von Design in Korrespondenz zur antizipierenden Verbesserung \u00e4sthetischer Erfahrung"},"content":{"rendered":"<p>Antizipierende \u00dcberlegungen dahingehend wie \u00e4sthetische Erfahrung und Lebensqualit\u00e4t zu verbessern w\u00e4ren stehen traditionellerweise auch im Zentrum von Theorien zur Gestaltung. Als eine der \u00e4ltesten dieser Theorien, welche darauf angelegt waren, allgemeing\u00fcltige gestalterische Prinzipien hervorzubringen, kann die von Vitruv um die Zeitwende in Rom formulierte Architekturlehre gelten. Gute Architektur sollte den drei von ihm hervorgehobenen Kriterien Festigkeit, Brauchbarkeit und Sch\u00f6nheit unter Einhaltung der richtigen Proportionen, und Ber\u00fccksichtigung von Schicklichkeit und \u00d6konomie gen\u00fcgen. Sp\u00e4ter entwickelten sich daraus die von Leon Battista Alberti (1404-1474) betonten Kriterien \u00ad Konstruktion, Verteilung und Dekoration \u00ad \u00fcber die allgemeinen, klassischen Kriterien \u00ad wahr, brauchbar, sch\u00f6n \u00ad zu den Kriterien der Moderne \u00ad Struktur, Funktion und Form. Aber diese Kriterien antizipieren eher eine einseitig optimierte Zielvorgabe, den Sollzustand einer idealen Architektur, als dass sie die konkret gebaute Architektur analytisch fassen k\u00f6nnten. Dies gilt analog f\u00fcr die \u00dcbertragung objektiver \u00e4sthetischer Prinzipien auf andere Designdisziplinen. Design wurde an der HfG Ulm im Unterschied zum Bauhaus erstmals wissenschaftlich thematisiert. Um sich von dem laienhaften Designverst\u00e4ndnis, das Design mit dekorativer Beh\u00fcbschung gleichsetzt abzugrenzen, sollte die Anerkennung der jungen Disziplin mit einem m\u00f6glichst den harten Kriterien von Wissenschaft gen\u00fcgenden Wissensfundament gest\u00e4rkt werden. Von dieser am klassischen Wissenschaftsverst\u00e4ndnis orientierten Verwissenschaftlichung war auch die \u00c4sthetik betroffen. An Forschungen von Max Bense ankn\u00fcpfend entstanden viele Arbeiten zur \u00c4sthetik, die bem\u00fcht waren, nach wissenschaftlichen Kriterien objektive, messbare Qualit\u00e4ten systematisch herauszufiltern und den Bereich subjektiver Interpretationen auszuschlie\u00dfen. Dadurch wurden jedoch gerade diejenigen \u00e4sthetischen Aspekte aus der disziplin\u00e4ren Forschung zur \u00c4sthetik eliminiert, welche f\u00fcr das subjektive Empfinden der Qualit\u00e4t des Wirklichkeitserlebens und der Lebenspraxis wesentlich sind. So fragte Siegfried Maser, der viel zur Theoriebildung einer designorientierten \u00c4sthetik in Benses Arbeitsgruppe beitrug und sich f\u00fcr die \u00dcberwindung des klassischen Wissenschaftsverst\u00e4ndnisses einsetzte, anl\u00e4sslich der Rezension des Buches \u00bb\u00c4sthetik, Konstruktion und Design \u00ad eine strukturale \u00c4sthetik\u00ab von Rolf Garnich:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbWelchen Stellenwert haben formal-\u00e4sthetische Programme im gesamten Zielprogramm eines Produkts? \u00ad Wo finden Pr\u00e4zisierung und Mathematisierung ihre praktischen (oder auch pragmatischen) Grenzen? Worin besteht ihr praktischer Sinn? \u00ad Inwieweit kann eine solche Theorie nicht nur einfach beschreibbare Strukturen, sondern bessere Produkte hervorbringen?\u00ab (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">Maser, aus: form, Heft 74, 1976, in: form spezial 1, 1997, S. 136<\/a>)<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Konzentration auf objektive und die Geringsch\u00e4tzung subjektiver \u00e4sthetischer Aspekte innerhalb dem nach dem Zweiten Weltkrieg aufkommenden disziplin\u00e4ren Designverst\u00e4ndnis ist auch durch das politischen Bewusstsein vieler Designer zu begr\u00fcnden. Sie wollten ihre Aktivit\u00e4ten nicht l\u00e4nger darauf richten, die offen gelassenen emotionalen L\u00f6cher in den Rahmenbedingungen f\u00fcr die Lebensgestaltung, welche von anderen Wissensbereichen wie Wirtschaft, Technik und Politik festgelegt werden, zu stopfen, sondern selbst st\u00e4rker an positiven gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungsprozessen mitwirken. Hierdurch geriet der Respekt vor dem banal scheinenden Besonderen, wie der spezifischen Lebensf\u00fchrung des einzelnen, zugunsten der Faszination am strategisch machtvoll einsetzbaren Allgemeinen wie st\u00e4dteplanerischen Gro\u00dfprojekten, aus dem Blick. Welche der antizipierten Ver\u00e4nderungen forciert werden sollten und welche gestalterischen Mittel zu deren F\u00f6rderung einzusetzen w\u00e4ren, ergab sich aus intellektuellen Diskursen, nicht aus konkreten Erfahrungen. Insbesondere der rational gepr\u00e4gte Diskurs der Moderne wie auch dessen Kritik durch Vertreter der Frankfurter Schule schied gef\u00fchlsbezogenes Design, das mit der subjektiven \u00e4sthetischen Erfahrung korrespondiert, als ad\u00e4quates Mittel f\u00fcr positive Ver\u00e4nderungen aus. Wolfgang Fritz Haug legte in seinem 1971 erschienen Werk \u00bb<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">Kritik der Waren\u00e4sthetik<\/a>\u00ab dar, dass Design, welches die subjektive \u00e4sthetische Erfahrung in Form von Werbung oder k\u00e4uflicher Waren\u00e4sthetik anspricht, allzu willensschwache Konsumenten zum Kauf verf\u00fchrt und diese in die Zwangslage bringt, immer mehr Arbeitszeit aufwenden zu m\u00fcssen, um immer sch\u00f6nere und angenehmere Dinge kaufen zu k\u00f6nnen, f\u00fcr deren Genuss letztlich keine Zeit \u00fcbrig bleibt. Design f\u00f6rdert nach dieser Auffassung mit der \u00c4sthetisierung von Produkten in erster Linie nicht die Lebensqualit\u00e4t der Endnutzer, sondern die Unternehmensgewinne. Viele Designer vermeiden es daher, am Empfinden der Nutzer orientierte, gef\u00fchlsbezogene \u00e4sthetische Mittel einzusetzen und bevorzugen funktionale, objektive \u00e4sthetische Kriterien. Inzwischen sprechen jedoch viele Anzeichen daf\u00fcr, dass sich das Konsumentenverhalten mit der Gew\u00f6hnung an das verf\u00fcgbare Produktangebot gewandelt hat. Konsumenten w\u00e4hlen gezielter nach Bedarf und Kaufkraft aus, wobei das Praktische und das jeweils als sch\u00f6n Erachtete keine Gegens\u00e4tze sind. Funktionale Produkte, die zudem einen subjektiven, gef\u00fchlvollen Zugang erlauben oder f\u00f6rdern, werden nachgefragt.<\/p>\n<p>Kritik an der Konsumgesellschaft bleibt aber weiterhin angebracht. Zu beachten ist, dass die aktuelle Tendenz zur Individualisierung neben dem Konsum von Produkten, welche legitimerweise zur Inszenierung der individuell, nach pers\u00f6nlichen Lebensumst\u00e4nden ausgerichteten Lebensqualit\u00e4t genutzt werden, auch die demonstrative zur Schau Stellung von Produkten als in verschiedensten Formen \u00fcberdimensionierten Statussymbolen bef\u00f6rdert. Solche Statusprodukte beschneiden h\u00e4ufig den Lebensraum anderer Menschen und beg\u00fcnstigen die Verfestigung von etablierten, wirtschaftlichen Machtstrukturen. Zudem degradieren sie unkritische, sich von den Statussymbolen blenden lassende Konsumenten weiterhin zu \u00bbKonsum\u00e4ffchen\u00ab (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">vgl. H. H. Karmasin, 1993, 1993<\/a>), die bereits das Konsumieren an sich mit Lebensqualit\u00e4t verwechseln.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re falsch, aus dieser Problemlage die weitgehende Ablehnung von Gef\u00fchle animierendem oder in anderer Weise subjektiven \u00e4sthetischen Kriterien folgendem Design abzuleiten. Die Entwicklungen der 80er Jahre haben dazu beigetragen, das an konsumkritischen Argumenten fixierte Problembewusstsein der Designer aufzulockern und die Wichtigkeit von alle Sinne ansprechenden, gef\u00fchlvollen Gestaltungsaspekten anzuerkennen. Das ist bedeutsam, weil die Problematisierung und versuchsweise Bewertung und Umsetzung von \u00c4sthetischem nicht denjenigen \u00fcberlassen werden sollte, die im Gegensatz zu den beschriebenen kritisch engagierten Auffassungen Design schlicht als wirtschaftlichen Faktor sehen. Diese Sichtweise birgt die Gefahr, dass das Verst\u00e4ndnis von \u00c4sthetischem ohne die notwendige kritische Reflexion und Erneuerung des bew\u00e4hrten Wissens allein in Hinsicht auf kalkulierbare, wirtschaftliche Verwertbarkeit reduziert w\u00fcrde. Das Engagement f\u00fcr \u00e4sthetisch differenzierte Entw\u00fcrfe von m\u00f6glichen und sinnvollen Perspektiven f\u00fcr verbesserte oder zuk\u00fcnftige Lebensweisen und Lebensverh\u00e4ltnisse h\u00e4tte dann seine zentrale Stellung im disziplin\u00e4ren Selbstverst\u00e4ndnis endg\u00fcltig verloren. Dies w\u00e4re umso bedauerlicher, als derzeit die M\u00f6glichkeiten durch Computertechnologie solche Entw\u00fcrfe erlebbar und erprobbar zu pr\u00e4sentieren immer leistungsf\u00e4higer werden und die Disziplin gerade jetzt die Chance h\u00e4tte, mit vision\u00e4ren Projekten ein gr\u00f6\u00dferes Publikum als den jeweiligen Auftraggeber zu erreichen.<\/p>\n<p>Deshalb ist es notwendig, die nach wie vor h\u00e4ufig mit der Bew\u00e4ltigung von schwerpunktm\u00e4\u00dfig emotional oder \u00e4sthetisch definierten Designaufgaben verbundene Unsicherheit, Unge\u00fcbtheit und Skepsis zu \u00fcberwinden. Designer, welche in diesen Bereichen, zum Beispiel der Wohnm\u00f6belbranche, arbeiten, werden h\u00e4ufig innerhalb der Profession nicht ernsthaft anerkannt. Wichtiger als die innerdisziplin\u00e4re Anerkennung kann jedoch die Akzeptanz der fachspezifischen Kompetenz in einem interdisziplin\u00e4ren Team sein. Hierzu k\u00f6nnen Designer verschiedene, sich gegenseitig erg\u00e4nzende Ausdrucksformen wie verbale Argumentation, erkl\u00e4rende Skizzen, Entwurfsreihen, Modelle, Vergleichsbeispiele usw. nutzen und auf diese Weise ihre theoretische und praktische \u00e4sthetische Kompetenz einbringen. Die folgenden Analysen zu einer designspezifische Theorie von \u00c4sthetik k\u00f6nnen insbesondere f\u00fcr die verbale Argumentation Hilfen anbieten. Dar\u00fcber hinaus regen sie zur Reflexion des disziplin\u00e4ren Selbstverst\u00e4ndnisses an und wirken dadurch auf die praktische Designt\u00e4tigkeit zur\u00fcck. Die entscheidende Reflexionsebene im Designprozess bildet der Mensch mit seinen Anforderungen an Design. Dieser Mensch ist auch in seiner Rolle als Konsument oder Nutzer l\u00e4ngst nicht mehr der orientierungslose Irrl\u00e4ufer dem durch Design der rechte Weg gezeigt werden muss, sondern ein bewusster Akteur. Er erwartet von Design anstelle von Bevormundung die zur Verf\u00fcgungstellung verl\u00e4sslicher Bezugspunkte oder erweiterbarer Bezugssysteme f\u00fcr seine selbstgesteuerten Aktionen. Diese Bez\u00fcge sollten sich nicht aufdr\u00e4ngen, sondern als w\u00e4hlbare Angebote pr\u00e4sent sein. Das disziplin\u00e4re Selbstverst\u00e4ndnis und die Kernkompetenz von Design sollte daher auf die Analyse von differenzierten Erfahrungen, Wirklichkeiten und Lebenswegen von Menschen ausgerichtet sein sowie auf deren qualitative, praktische Umsetzung und nicht in der Anh\u00e4ufung von disziplinintern kanonisiertem Wissen stecken bleiben. Es geht f\u00fcr Designer darum zu lernen, Gef\u00fchle und Intellekt nicht gegeneinander auszuspielen, sondern in ihrer Bezogenheit zu verstehen und ihren Beitrag zur Gestaltung einer Kultur zu leisten, in der die vielf\u00e4ltigen Facetten des Menschseins nebeneinander bestehen und sich gegenseitig befruchten k\u00f6nnen. Dementsprechend ist die \u00e4sthetische Kompetenz der Designer aus der formal\u00e4sthetischen Verengung zu befreien und hinsichtlich der Unterschiedlichkeit qualitativer \u00e4sthetischer Erfahrung weiterzuentwickeln. Daf\u00fcr bieten sich zwei Perspektiven an, die in Korrespondenz zu den hervorgehobenen antizipierenden Organisationsoptionen zu entwickeln sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antizipierende \u00dcberlegungen dahingehend wie \u00e4sthetische Erfahrung und Lebensqualit\u00e4t zu verbessern w\u00e4ren stehen traditionellerweise auch im Zentrum von Theorien zur Gestaltung. 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