{"id":363,"date":"2020-12-16T15:40:00","date_gmt":"2020-12-16T14:40:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/?page_id=363"},"modified":"2020-12-29T14:58:03","modified_gmt":"2020-12-29T13:58:03","slug":"4-2-2-hierarchische-struktur-aesthetischer-erfahrung-und-distinktives-potential-von-design","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/4-soziales\/4-2-kategorie-der-potentialitaet-von-design-in-korrespondenz-zur-sozial-bedingten-akzentuierung-aesthetischer-erfahrung\/4-2-2-hierarchische-struktur-aesthetischer-erfahrung-und-distinktives-potential-von-design\/","title":{"rendered":"4.2.2 Hierarchische Struktur \u00e4sthetischer Erfahrung und distinktives Potential von Design"},"content":{"rendered":"<p>Bez\u00fcglich der Beteiligung an der Kommunikation gibt die hierarchische Struktur strikte Grenzen nach au\u00dfen wie nach innen vor. W\u00e4hrend innerhalb der integrativen Struktur keine weiteren Vorgaben den Kommunikationsfluss kanalisieren, zeichnet sich die hierarchische Struktur nicht nur durch ihre Geschlossenheit nach au\u00dfen, sondern auch durch ihre interne Grenzsetzung gegen\u00fcber der Wirkung der Kommunikationsbeitr\u00e4ge aus. Es findet eine gestaffelte Selektion, bzw. Regulation der Kommunikation statt. Diese erfolgt je nach der Grundausrichtung des zugeh\u00f6rigen sozialen Systems, in dem zum Beispiel dessen Erhaltung oder dessen Optimierung Vorrang hat.<\/p>\n<p>Im zeitlichen Wandel ver\u00e4ndert sich die integrative Struktur nahezu unmerklich. Weil viele Kommunikationsbeitr\u00e4ge ohne abrupt gro\u00dfe Wirkung zu entfalten, im breiten Kommunikationsfluss absorbiert werden, erscheint sie relativ stabil obgleich sie einer schleichenden Dynamik unterliegt. Dagegen l\u00e4sst sich der Kommunikationsfluss bez\u00fcglich der hierarchischen Struktur als eine regulative Dynamik beschreiben. Obwohl ein System mit hierarchischer Struktur von au\u00dfen betrachtet oft eher statisch wirkt, prozessieren intern die Kommunikationsbeitr\u00e4ge und werden st\u00e4ndig reguliert. Falls diese interne Dynamik zur Ruhe kommt, indem die internen Regelmechanismen erstarren, ist das hierarchisch strukturierte System vom Zerfall bedroht. Denn diese innere Erstarrung kann gegen\u00fcber der Kommunikationsbeteiligung zu einer noch strengeren Abschottung f\u00fchren, bez\u00fcglich derer nur noch wenige Menschen in der Lage oder willens sind, sie durch ihre Kommunikationsbeitr\u00e4ge zu durchbrechen. Somit sind immer weniger Menschen durch Kommunikationsbeitr\u00e4ge an dem System beteiligt. Dadurch verliert es seine soziale Bedeutung und l\u00f6st sich schlie\u00dflich auf.<\/p>\n<p>Der hierarchische Aufbau der Struktur richtet sich nach einer Zielvorgabe. Diese bestimmt die Selektion der Kommunikationsbeitr\u00e4ge nach au\u00dfen und reguliert den internen Kommuikationsfluss. Die sozialen Akteure m\u00fcssen sich bem\u00fchen, mit ihren Kommunikationsbeitr\u00e4gen der Zielvorgabe zu entsprechen, um kommunikativ an einem hierarchisch strukturierten sozialen System mitwirken zu k\u00f6nnen. Wer dieser Zielvorgabe nicht folgt, sie nicht kennt, verletzt oder ihr aus einem anderen Grund nicht ausreichend gen\u00fcgt, wird ausgeschlossen. Durch diese Projektion eines Ziels oder eines Ideals, egal ob dieses in der Zukunft oder der Vergangenheit liegt, ob es materiell oder geistig vorgestellt wird, entsteht auch eine hierarchische Rangordnung unter den Individuen, die die Zielvorgabe besser oder schlechter erf\u00fcllen k\u00f6nnen. Diese Grundlegung von sozialer Ungleichheit als negativ zu wertende Auswirkung einer hierarchischen Struktur ist besonders zu beachten, wenn ein hierarchisch strukturiertes System im Verbund der sozialen Systeme zu dominant wird.<\/p>\n<p>Positiv an der hierarchischen Systemstruktur ist die M\u00f6glichkeit, die eingehenden Kommunikationsbeitr\u00e4ge nach Effizienz und qualitativer Optimierung zu selektieren und eine dementsprechende Erfahrungsselektion bei den beteiligten Akteuren anzuregen und weiterzuentwickeln. Dies gilt besonders hinsichtlich der Thematisierung von komplexen Problemstellungen, die von einem Menschen alleine in Anbetracht seiner begrenzen Lebenszeit niemals bew\u00e4ltigt werden k\u00f6nnten. Zwar gibt es Kulturen, in denen Menschen ohne den durch hierarchische Strukturen angespornten Konkurrenzkampf und Leistungswillen zusammenleben, innerhalb den westlichen Gesellschaften hat jedoch die Orientierung an der hierarchischen Struktur in vielen Lebensbereichen Vorrang. Ohne die generationen\u00fcbergreifende Orientierung an Systemen mit hierarchischer Struktur, dem Willen, auf ein Prinzip hinzuarbeiten und das System gegen\u00fcber zu vielen alternativen Kommunikationsbeitr\u00e4gen abzuschlie\u00dfen, w\u00e4ren viele wissenschaftliche Erkenntnisse oder technische Erfindungen niemals entstanden.<\/p>\n<p>Negativ ist bez\u00fcglich der hierarchischen Struktur zu werten, dass die spezifisch optimierten Ergebnisse, deren Hervorbringung sie beg\u00fcnstigt, meist mit dem Anspruch der Absolutheit verkn\u00fcpft sind und keine Alternativen zulassen. Diese Konzentration auf eine Zielvorgabe kann von der beteiligten sozialen Akteure als unterdr\u00fcckender einschr\u00e4nkender Zwang oder als klar vorhersehbare, langfristige Sicherheit bez\u00fcglich ihrer gesamten kommunikativ ausgerichteten Erfahrungsdimension erlebt werden.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber den breit angelegten Systemen mit integrativer Struktur sind spezifisch optimierte Systeme mit hierarchischer Struktur langfristig zerfallsgef\u00e4hrdeter. Die an der Kommunikation bez\u00fcglich einer hierarchischen Struktur beteiligten Akteure versuchen durch gemeinsame Anstrengungen, die Zielvorgabe zu erreichen, stabilisieren das System und setzen eine interne lineare Entwicklung auf st\u00e4ndige Optimierung in Gang. Doch wegen dieser Konzentration von Zeit und Energie auf die interne Kommunikationsselektion, k\u00f6nnen andere wichtige Aspekte wie die Pflege der Attraktivit\u00e4t des Systems f\u00fcr die Mitwirkung an der Kommunikation nach au\u00dfen in Vernachl\u00e4ssigung geraten. Dann entsteht f\u00fcr das System zunehmend die Gefahr, an der einseitigen Ausrichtung zu zerbrechen, obwohl es nach systemintern gesetzten Ma\u00dfst\u00e4ben immer perfekter wird. Dieser Prozess der internen Optimierung und dem externen Attraktivit\u00e4tsverlust ist beispielsweise bei Vereinen, religi\u00f6sen Gruppierungen, wissenschaftlichen Disziplinen, Industrieunternehmen, politischen Organisationen zu beobachten. Nur wenn das hierarchisch strukturierte System nach au\u00dfen attraktiv bleibt und seine soziale Bedeutung behauptet, wollen sozialen Akteure mitwirken und bem\u00fchen sich darum, den Zielvorgaben zu entsprechen und sich den zugeh\u00f6rigen Schwierigkeitsgraden und Selektionsstrategien zu stellen.<\/p>\n<p>Die \u00e4sthetische Erfahrung der Orientierung an der hierarchischen Struktur ist gekennzeichnet durch die st\u00e4ndige Einsch\u00e4tzung der eigenen Position und dem Bem\u00fchen um Aufstieg. Zudem ist mit ihr oft die Neigung verbunden, alle sozialen Systeme mit einer hierarchischen Struktur zu verkn\u00fcpfen. Beispielsweise kann ein Lehrer seine h\u00f6here Position im Schulsystem verallgemeinern und auch in der eigenen Familie oder dem Freundeskreis, gegen\u00fcber Handwerkern oder als Patient die Rolle des Besserwissenden beanspruchen. Wie Untersuchungen zum \u00bbautorit\u00e4ren Charakter\u00ab belegen, die in Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg unter der Mitwirkung von Theodor W. Adorno (1903-\u00ad1969) durchgef\u00fchrt wurden, wird dessen Entstehen in hohem Ma\u00dfe durch die unkritische, verallgemeinernde Orientierung an der hierarchischen Organisationsstruktur sozialer Systeme beg\u00fcnstigt. Eine Versuchsperson der Gruppe, die Adorno mit dem \u00bbautorit\u00e4ren Syndrom\u00ab charakterisiert, antwortet auf die Frage, was sie tun w\u00fcrde, wenn sie mehr Geld h\u00e4tte:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbDas w\u00fcrde unseren Lebensstandard anheben, ein Auto; wir k\u00f6nnten in eine bessere Wohngegend ziehen; wir w\u00fcrden gesch\u00e4fts- und pers\u00f6nliche Beziehungen zu bessergestellten Leuten haben, abgesehen von einigen guten Freunden, zu denen man immer h\u00e4lt; und wir w\u00fcrden nat\u00fcrlich mit Leuten, die eine Stufe h\u00f6her stehen, zusammenkommen mit besserer Erziehung und mehr Erfahrung. Wenn man da angelangt ist und mit solchen Leuten Verbindung hat dann wird man von selbst auf die n\u00e4chst h\u00f6here Stufe bef\u00f6rdert\u00ab (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">Adorno, 1973, S. 324<\/a>).<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese \u00c4u\u00dferung verdeutlicht den Glauben an die Wirkung der repr\u00e4sentativen oder demonstrativen zur Schaustellung des eigenen Besitzes auf eine allgemeine soziale Anerkennung. W\u00e4hrend Bourdieu mit seinem Konzept des Habitus bez\u00fcglich der franz\u00f6sischen Gesellschaft zeigt, dass ein sozialer Aufstieg sozusagen durch das Einkaufen in eine h\u00f6here Schicht nicht gelingen kann, muss doch vermutet werden, dass im Zuge der Verbreitung der Konsumkultur weiterhin viele Menschen der zitierten Argumentation zustimmen und sich wechselseitig durch ihr dementsprechendes Verhalten best\u00e4tigen. Die Orientierung an der hierarchischen Struktur, die kritiklose \u00dcbernahme der Zielvorgaben und der Glaube an die M\u00f6glichkeit des pers\u00f6nlichen Aufstiegs f\u00fchren zu einer Konkurrenz, bei der nur wenige Sieger \u00fcbrig bleiben. Trotzdem wird nur dieser Weg gesehen und alle St\u00f6rfaktoren wie beispielsweise andere Menschen, die sich nicht an dieser Konkurrenz beteiligen wollen oder es nicht k\u00f6nnen, werden missachtet Hier liegt die Gefahr der Verst\u00e4rkung von sozialer Ungleichheit und die Best\u00e4tigung bestehender sozialer Machtverh\u00e4ltnisse durch die dominante Orientierung an der hierarchischen Struktur.<\/p>\n<p>Bei der Wertung, ob ein System mit hierarchischer Struktur negativ oder positiv einzusch\u00e4tzen ist und daher durch Design entsprechend beeinflusst oder unterst\u00fctzt werden sollte, sind wenigstens die Zielvorgaben, an denen sich die hierarchische Struktur ausrichtet, zu \u00fcberpr\u00fcfen. Solange sich jedoch moderne Gesellschaften \u00fcber das Konsumangebot definieren und der Ausdruck von Kaufkraft durch demonstrativen Konsum wichtig ist, um eine bestimmte soziale Position zu behaupten, stellt Design einen wichtigen Marketingfaktor dar. Design hat diesbez\u00fcglich die Funktion, Produktmarken zu charakterisieren und in Relation zur Preisgestaltung und zur Kaufkraft der Kunden Niveauunterschiede im Produktangebot einer Firma auszudr\u00fccken. Wenn diese Funktion von Design auch in vielen F\u00e4llen fragw\u00fcrdig erscheint, deckt sie doch einen Bereich ab, dem gro\u00dfe wirtschaftliche Bedeutung zukommt. Demgegen\u00fcber ist allerdings eine zunehmende Zahl bewusster und kritischer Konsumenten zu registrieren, die sich nicht durch ein aufgebl\u00e4htes Markenimage blenden lassen.<\/p>\n<p>Neben der hier hervorgehobenen Ausrichtung der hierarchischen Struktur an der Kaufkraft als Leitgr\u00f6\u00dfe, sind noch andere Zielvorgaben denkbar, die nicht zu einer willk\u00fcrlichen sozialen Ungleichheit f\u00fchren, sondern der Verschiedenartigkeit der Menschen im positiven Sinne entgegenkommen. Beispielsweise bietet der Leistungssport k\u00f6rperlich mit ungew\u00f6hnlichen F\u00e4higkeiten ausgestatteten Menschen die M\u00f6glichkeit, sich mit ihresgleichen zu messen. Ebenso f\u00fchlen sich hochbegabte Kinder in Eliteschulen besser verstanden und in ihren Anlagen gef\u00f6rdert, ohne deshalb andere Sch\u00fcler geringzusch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Diesem festzustellenden Bed\u00fcrfnis vieler Menschen, ihre besonderen F\u00e4higkeiten mit Gleichgesinnten messen und weiterentwickeln zu k\u00f6nnen, sich also von andersartigen Menschen zu differenzieren, sollte die Bereitstellung von Angeboten f\u00fcr die kommunikative Erfahrungsdimension bez\u00fcglich der hierarchischen Struktur entsprechen. Hierf\u00fcr ist ein Potential von Design erforderlich, das Unterschiede kenntlich macht. Diese spezifische Ausrichtung von Design wird im folgenden als distinktives Potential bezeichnet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bez\u00fcglich der Beteiligung an der Kommunikation gibt die hierarchische Struktur strikte Grenzen nach au\u00dfen wie nach innen vor. 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