{"id":264,"date":"2020-12-16T14:03:00","date_gmt":"2020-12-16T13:03:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/?page_id=264"},"modified":"2020-12-29T12:43:28","modified_gmt":"2020-12-29T11:43:28","slug":"2-1-2-kreiskausalitaet-und-akzentuierung-durch-bewusste-organisationsqualitaeten","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/2-design-und\/2-1-2-kreiskausalitaet-und-akzentuierung-durch-bewusste-organisationsqualitaeten\/","title":{"rendered":"2.1.2 Kreiskausalit\u00e4t und Akzentuierung durch bewusste Organisationsqualit\u00e4ten"},"content":{"rendered":"<p>Aufgrund des Modells einer selbstorganisierenden, r\u00fcckgekoppelten Organisationsdynamik von Prozessen, die den drei differenzierten Dimensionen zuzuordnen sind, ist die mit der gef\u00fchlsbezogenen Komponente verbundene Spezifik der \u00e4sthetischen Erfahrung nicht als ein pr\u00e4zise festlegbarer Bewusstseinszustand zu beschreiben, sondern als eine integrative Kulmination der Gesamterfahrung, die verschiedenste bewusste Organisationsqualit\u00e4ten hervorbringen kann. Diese sind durch vielf\u00e4ltige, subjektiv ausgepr\u00e4gte Gef\u00fchle erlebbar, deren identisches Nachf\u00fchlen unm\u00f6glich ist. Zielsetzung der Analyse von qualitativen Akzentuierungen der gef\u00fchlsbezogenen Komponente von Erfahrung ist es, zu einem besseren Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Gef\u00fchlswelt anderer beizutragen. Diesbez\u00fcglich l\u00e4sst der Versuch, alle diese Gef\u00fchlsqualit\u00e4ten mittels ausdifferenzierten Bezeichnungen zu systematisieren, nach den bereits vorliegenden Ans\u00e4tzen (<a href=\"\/design\/2-design-und\/2-1-modell-zur-organisationsdynamik-der-gefuehlsbezogenen-komponente\/\">vgl. Punkt 2.1<\/a>) keinen Zugewinn erwarten. Zwischen vorab theoretisch ausgew\u00e4hlten Begrifflichkeiten entstehen im wirklichen Erleben immer weitere Gef\u00fchlsdifferenzierungen, deren Feinheiten durch das abstrakte Raster der Bezeichnungen fallen. Daher werden typische Qualit\u00e4ten zur Akzentuierung der bewussten Erfahrung hervor gestellt, deren analytische Pr\u00e4zisierung in Beziehung auf einen konkreten Einzelfall erfolgt.<\/p>\n<p>Zur gef\u00fchlsbezogenen Komponente von Erfahrung geh\u00f6rt das Bewusstsein um deren gegenw\u00e4rtigen Vollzug sowie um deren Ende. Gegen\u00fcber der umfassenden Erfahrung hebt sich die \u00e4sthetische Erfahrung dadurch in Form eines besonderen Zeitbewusstseins ab. Dieses ist in drei Bereiche gliederbar, auf deren Grundlage sich drei typische Akzentuierungen der bewussten Organisationsqualit\u00e4ten ableiten lassen.<\/p>\n<p>Das Zeitbewusstsein ist als subjektives Empfinden der Zeit von der physikalischen Definition oder von soziokulturellen Einteilungen der Zeit zu unterscheiden. Die \u00dcberlegungen von Aurelius Augustinus (354-430) zum Zeitbewusstsein im 11. Buch seiner Bekenntnisse (Confessiones) von 397 gelten als fr\u00fcheste Zeugnisse f\u00fcr eine differenzierte Analyse der Zeit. Unabh\u00e4ngig von der sonstigen philosophischen Position des Augustinus ist hervorzuheben, dass er als erster das subjektive Zeitbewusstsein thematisiert. Er unterscheidet drei zeitliche Aspekte des gegenw\u00e4rtigen Erlebens. Es kann sich erstens auf die aktuelle Gegenwart beziehen, zweitens auf die Gegenwart von Vergangenem und drittens auf die Gegenwart von Zuk\u00fcnftigem.<\/p>\n<p>Mit der Methode der Ph\u00e4nomenologie werden diese Ausrichtungen des Gegenwarterlebens zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts genauer untersucht. Die unterschiedliche Wertung der drei Aspekte von Gegenwart ist exemplarisch an vier philosophischen Ans\u00e4tzen zu verdeutlichen. Henri Bergson (1859\u00ad1941) hebt den Aspekt des Vergangenen hervor und betont, dass in jedem Moment des Daseins s\u00e4mtliche zuvor erlebten Erfahrungen mit vergegenw\u00e4rtigt sind. F\u00fcr ihn ist der Begriff der Dauer (dur\u00e9e) f\u00fcr das menschliche Zeitempfinden zentral. Husserl bem\u00fcht sich dagegen um die strikte Trennung des gegenw\u00e4rtigen Erlebens von Vergangenem oder Zuk\u00fcnftigen, um die wesentliche Gegebenheitsweise von Pr\u00e4senz auszufiltern. Der Aspekt des Zuk\u00fcnftigen im gegenw\u00e4rtigen Erleben ist f\u00fcr Heideggers zentralen Begriff der Sorge und f\u00fcr Blochs bestimmendes Prinzip der Hoffnung am wichtigsten (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">vgl. Kapitel 1.1.4<\/a>).<\/p>\n<p>Um die Vielfalt subjektiven Erlebens von \u00e4sthetischer Erfahrung ansatzweise zu erfassen, ist keinem der drei zeitlichen Gegenwartsaspekte der Vorzug zu geben. Deshalb werden im Folgenden entsprechend diesen drei zeitlichen Aspekten gegenw\u00e4rtiger Erfahrung drei bewusste Organisationsqualit\u00e4ten zur typischen Akzentuierung der gef\u00fchlsbezogenen Komponente von Erfahrung und als spezifische Erlebensformen der \u00e4sthetischen Erfahrung unterschieden.<\/p>\n<p>Eine Qualit\u00e4t gegenw\u00e4rtiger \u00e4sthetischer Erfahrung konzentriert sich auf die sinnlich gegebene Beschaffenheit eines Erfahrungsgegenstands. Sie wird als perzeptive Qualit\u00e4t gekennzeichnet. F\u00fcr eine weitere Qualit\u00e4t \u00e4sthetischer Erfahrung ist der Aspekt der Vergangenheit in der Gegenwart durch innerliche Erfahrungsf\u00fclle und Intensit\u00e4t wesentlich. In der Hinwendung zu gegenw\u00e4rtigen Erfahrungsanl\u00e4ssen wird die Passung zur pers\u00f6nlichen Erfahrungsgeschichte angestrebt. Diese Akzentuierung \u00e4sthetischer Erfahrung wird als empathive Qualit\u00e4t definiert. Hinsichtlich der dritten Qualit\u00e4t der \u00e4sthetischen Erfahrung bildet die Zukunft in der Gegenwart den entscheidenden Akzent, um den herum sich die Erfahrung organisiert. Dann stellt jeder gegenw\u00e4rtige Erfahrungsanlass nur einen vorl\u00e4ufigen Orientierungspunkt auf dem vorgestellten, m\u00f6glichen Erfahrungsweg dar. Die entsprechende Akzentuierung der \u00e4sthetischen Erfahrung ist als imaginative Qualit\u00e4t charakterisierbar. Somit sind drei bewusste Organisationsqualit\u00e4ten typisch f\u00fcr die verschiedenen Gegenwartsakzente der \u00e4sthetischen Erfahrung. In der Konzentration auf die perzeptive Qualit\u00e4t scheint die Zeit still zu stehen. Unter dem Organisationsschwerpunkt der empathiven Qualit\u00e4t erscheint die Zeit gedehnt und das Erleben intensiver. Bez\u00fcglich der Organisation von \u00c4sthetischem unter der imaginativen Qualit\u00e4t wird Zeit nicht in Form einer Intensit\u00e4tssteigerung und Dehnung des Erfahrungskontinuums, sondern als sprunghafter Rhythmus erlebt. In der gegenw\u00e4rtigen zukunftsbezogenen Orientierung \u00f6ffnet sich innerhalb der Erfahrung ein neuer Weg, der dazu reizt, ihn weiter zu erforschen.<\/p>\n<p>Die perzeptive Qualit\u00e4t kommt Kants Definition der Besonderheit des \u00c4sthetischen durch die innere Distanz zu dem Gegenstand der Erfahrung sowie dessen Zweckfreiheit am n\u00e4chsten. Die \u00e4sthetische Reflexion der perzeptiven Qualit\u00e4t sucht nicht nach dem Grund oder Zweck eines Erfahrungsgegenstands, sondern analysiert diesen in seinem Sosein, seinem Eigenwert. Deshalb ist mit der Fokussierung der \u00e4sthetischen Erfahrung auf die perzeptive Qualit\u00e4t beispielsweise auch die Gestaltung und Rezeption von abscheuerregenden Themen m\u00f6glich wie das professionelle Design im Genre von Science Fiction, Fantasy und Horror oder auch die Benetton-Kampagne mit ihren letztlich doch \u00e4sthetisch pr\u00e4gnant arrangierten Sujets belegen. Auch die beiden anderen bewussten Organisationsqualit\u00e4ten markieren eine \u00e4sthetische Erfahrung im Sinne der Reflexionsf\u00e4higkeit und der momentanen, praktischen Zweckfreiheit. Die empathive Qualit\u00e4t als eine Akzentuierung der bewussten Organisation von \u00e4sthetischer Erfahrung ist nicht mit dem Besitzenwollen des Gegenstands verbunden. Sie l\u00e4sst sich vielmehr als Anteilnahme und gef\u00fchlvolles, weniger intellektuelles Verst\u00e4ndnis charakterisieren, das sich im Prinzip auch unter Absehung von moralischen Argumenten entwickeln kann. Hinsichtlich der imaginativen Qualit\u00e4t bewegt immer schon der vorgestellte, m\u00f6gliche n\u00e4chste Schritt der Erfahrung das \u00e4sthetische Empfinden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufgrund des Modells einer selbstorganisierenden, r\u00fcckgekoppelten Organisationsdynamik von Prozessen, die den drei differenzierten Dimensionen zuzuordnen sind, ist die mit der gef\u00fchlsbezogenen Komponente verbundene Spezifik der \u00e4sthetischen Erfahrung nicht als ein pr\u00e4zise festlegbarer Bewusstseinszustand zu beschreiben, sondern als eine integrative Kulmination&hellip;  <\/p>\n<p class=\"more-link\"><a href=\"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/2-design-und\/2-1-2-kreiskausalitaet-und-akzentuierung-durch-bewusste-organisationsqualitaeten\/\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":48,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/264"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=264"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/264\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1366,"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/264\/revisions\/1366"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/48"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=264"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}