{"id":210,"date":"2020-12-16T13:53:00","date_gmt":"2020-12-16T12:53:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/?page_id=210"},"modified":"2020-12-29T12:23:18","modified_gmt":"2020-12-29T11:23:18","slug":"1-3-2-ursachenbezogene-orientierung-und-die-kategorie-der-potentialitaet-von-design-in-korrespondenz-zu-bedingenden-komponenten-aesthetischer-erfahrung","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/1-design-und-aesthetische-erfahrung-innerhalb-der-wirklichkeitsbildenden-basis-von-erfahrung\/1-3-2-ursachenbezogene-orientierung-und-die-kategorie-der-potentialitaet-von-design-in-korrespondenz-zu-bedingenden-komponenten-aesthetischer-erfahrung\/","title":{"rendered":"1.3.2 Ursachenbezogene Orientierung und die Kategorie der Potentialit\u00e4t von Design in Korrespondenz zu bedingenden Komponenten \u00e4sthetischer Erfahrung"},"content":{"rendered":"<p>Dominiert eine ursachenbezogene Organisationsorientierung die Kreation von Erfahrung, so wird dadurch die Entfaltung der Teilprozesse beeinflusst. Wichtiger als die Gegenwartserfahrung von Gef\u00fchlsbewegungen wie in Relation zur wirkungsbezogenen Orientierung wird das Aufsp\u00fcren von Gr\u00fcnden, die zu einer Erfahrung oder \u00e4sthetischen Erfahrung f\u00fchrten. Eine solcherma\u00dfen ausgerichtete \u00e4sthetische Erfahrung wird als von Bedingungen eingegrenzt erlebt, wogegen zu einer prim\u00e4r durch die gef\u00fchlsbezogene Komponente beeinflussten \u00e4sthetischen Erfahrung das Erleben von unbefangener Offenheit gegen\u00fcber gegenw\u00e4rtigen Wirkungen geh\u00f6rt. Das Erleben ist nicht mit momentanen Geschehnissen oder Wirkungen sondern mit oft diffusen Fragen nach Ursachen erf\u00fcllt. Diese k\u00f6nnen die eigene Person wie die Suche nach dem Zusammenhang des gerade Erlebten mit der pers\u00f6nlichen Identit\u00e4t betreffen oder auch die Wahrnehmung anderer Menschen wie die Frage nach deren bevorzugter Reaktion auf diesen oder einen \u00e4hnlichen Moment sowie die Erforschung technischer Mittel wie das gr\u00f6\u00dfere Interesse an den Bauteilen einer Kamera, als den Fotos, die mit ihr entstanden.<\/p>\n<p>Obwohl vielen Menschen heute ein verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfer Spielraum zur individuellen Lebensentfaltung bereit steht, gelingt es nur wenigen, \u00f6fters eine ungebundene oder originelle Sehweise einzunehmen und den Einfluss der gef\u00fchlsbezogenen Komponente \u00e4sthetischer Erfahrung bewusst zu entfalten. Dies l\u00e4sst vermuten, dass bedingende Komponenten in den Teilprozess der \u00e4sthetischen Erfahrung einflie\u00dfen und ihn in bestimmte Bahnen leiten. Der Einfluss der bedingenden Komponenten erh\u00e4lt aufgrund der Verst\u00e4rkung durch die R\u00fcckkoppelung aller Prozesse umso mehr Gewicht, je deutlicher sich die Erfahrungskreation in Richtung der ursachenbezogenen Orientierung stabilisiert. Im Unterschied zu der gef\u00fchlsbezogenen Komponente \u00e4sthetischer Erfahrung, die zum bewussten Erleben beitr\u00e4gt, bleibt der Einfluss der bedingenden Komponenten oft unbemerkt oder wird nur als diffuse Kraft erfahren. Gerade diejenigen Verhaltensweisen, die am vertrautesten und selbst verst\u00e4ndlichsten scheinen, setzen unsichtbare Grenzen, welche gar nicht registriert und deshalb auch nicht durch bewusste Anstrengung zu erkennen und zu \u00fcberwinden sind.<\/p>\n<p>Jeder Mensch ist in beschr\u00e4nkende Bedingungen eingebunden, die durch seine genetische und allgemein stammesgeschichtliche Herkunft, die individuelle k\u00f6rperliche Konstitution sowie die soziale Zugeh\u00f6rigkeit und die nat\u00fcrlichen und kulturellen Gegebenheiten seiner Lebensumwelt vorgegeben sind. Diesen Bedingungen, von denen einige individuell unterschiedlich, andere \u00e4hnlich ausgepr\u00e4gt sind, bilden das moderne Apriori. Sie stellen Begrenzungen und auch Voraussetzungen f\u00fcr Erfahrungen im Sinne Kants dar, k\u00f6nnen aber im Unterschied zu dessen Konzeption nicht mehr als allgemeing\u00fcltig und unver\u00e4nderlich betrachtet werden. Sie unterliegen vielmehr einer wechselwirkenden Dynamik von individuellen Lebensgeschichten, der historischen Entwicklung von Gesellschaften, dem Wandel von Kommunikationsformen wie Sprachen oder Ritualen und umweltbezogenen Interaktionsformen wie Technologien.<\/p>\n<p>Die \u00e4sthetische Erfahrung wird im wesentlichen durch die gef\u00fchlsbezogene Komponente bewusst erlebt. Richtunggebende Weichenstellungen erf\u00e4hrt sie jedoch unabh\u00e4ngig von der Bewusstwerdung durch die bedingenden Komponenten. Drei bedingende Komponenten sind aufgrund der vorangegangenen Untersuchungen hervorzuheben, erstens die subliminale Ebene, zweitens die soziale Kommunikation und drittens die medialen Weltbez\u00fcge. Jeder der bedingenden Komponenten kann je nach philosophischem Ansatz gr\u00f6\u00dferes Gewicht zukommen. So ist die subliminal bedingte Komponente eher mit Kants Ansatz, die sozial bedingte Komponente mit Hegels Konzeption und die medial bedingte Komponente mit dem Ansatz von Marx zu verbinden. Diesen, hier exemplarisch angef\u00fchrten, philosophischen Konzeptionen ist die Annahme eines dominanten Konstruktionsprinzips der Erfahrung gemeinsam, das auf der festen Grundlage in Form der jeweils hervorgehobenen Bedingung beruht. Diese ist als harte Realit\u00e4t, die der erfahrbaren Wirklichkeit vorausgeht, zu kennzeichnen.<\/p>\n<p>Die Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts thematisierte diese Problematik in zweierlei Weise. Einerseits gab es weiterf\u00fchrende Versuche, die der Erfahrungskreation, also der bewusst erlebbaren Wirklichkeit zugrunde liegende Realit\u00e4t zu erkennen wie durch Husserls Ph\u00e4nomenologie, den franz\u00f6sischen Strukturalismus und einige Ans\u00e4tze zur Technik- und Medientheorie. Andererseits geriet zunehmend die Thematik der Ver\u00e4nderbarkeit dieser Realit\u00e4t in das Blickfeld, beziehungsweise wurde die Annahme eines festen, bedingenden Fundaments, welches zwangsl\u00e4ufig zu einer einzigen Pr\u00e4gung der Erfahrungsdynamik f\u00fchrt, in Frage gestellt. So l\u00e4sst der Erkl\u00e4rungsansatz zur subliminal bedingten Komponente, die Selbstorganisation lebender Organismen, welche Maturana als universellen, deterministischen Mechanismus definiert, die verschiedenartigsten, funktions- und \u00fcberlebensf\u00e4higen Ausformungen zu. Auch die sozial bedingte Komponente der Erfahrungskreation wirkt nicht nur in einer Richtung ein. Um die Pluralit\u00e4t der sozial bedingten, kommunikativen Einfl\u00fcsse auf die Konstruktionen zu kanalisieren und weiterhin die M\u00f6glichkeit einer aufbauenden, nicht in Beliebigkeit sich aufl\u00f6senden, wissenschaftlichen Forschung zu erhalten, schlug der amerikanische Philosoph Hilary Putnam in seinem 1981 (dt. 1982) erschienenen Werk \u00bbVernunft, Wahrheit und Geschichte\u00ab die Einigung auf einen internen Realismus vor. Dieser Realismus soll sich nur auf dasjenige beziehen, was innerhalb einer Theorie vorkommt, also auf kommunikativ entwickelte, wissenschaftliche Konventionen, nicht auf eine davon unabh\u00e4ngige Realit\u00e4t. Bez\u00fcglich der Wechselwirkung der medial bedingten Komponente als eher der harten Realit\u00e4t zugeh\u00f6rig einerseits, mit der Erfahrungskreation andererseits, ist zum Beispiel eine Untersuchung von Niklas Luhmann (1927-1998) anzuf\u00fchren, in der er die Konstruktion der Realit\u00e4t mittels der Massenmedien sowie die Realit\u00e4t dieser erzeugten Konstruktion thematisiert (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">vgl. Luhmann, 1996<\/a>) und dadurch bereits die der Erfahrungswirklichkeit Bedingungen vorgebende Realit\u00e4t als eine konstruierte Bezugsgr\u00f6\u00dfe definiert. Zudem dokumentiert die Weiterentwicklung von Erkenntnissen in verschiedensten Wissensbereichen, dass zunehmend bisher als statisch angenommene Bedingungen entr\u00e4tselt und zumindest teilweise f\u00fcr Ver\u00e4nderungen und verbessernde Gestaltungsversuche zug\u00e4nglich gemacht werden.<\/p>\n<p>Aus diesem Verst\u00e4ndnis von Realit\u00e4t als einer im Prinzip ver\u00e4nderbaren Einflussgr\u00f6\u00dfe resultiert eine wesentliche Aufgabe f\u00fcr die spezifische Gestaltung oder das Design. Es geht darum, die bedingenden Komponenten als relativ harte Realit\u00e4t, welche der Erfahrungskreation vorausgeht, in ihrer Verfasstheit f\u00fcr die subjektive Erfahrung erschlie\u00dfbar machen und dazu anregen, sowohl die dadurch erkennbare Bedingtheit der pers\u00f6nlichen Erfahrungskreation und Lebenswirklichkeit zu verstehen, als auch deren Ver\u00e4nderbarkeit. Denn die M\u00f6glichkeit, durch die bewusst Einfluss nehmende Gestaltung auf die Erfahrungswirklichkeit wiederum auf die jeweils grundlegende, bedingende Realit\u00e4t zur\u00fcckzuwirken, beinhaltet einerseits Chancen und andererseits Gefahren f\u00fcr die menschliche Lebensgestaltung.<\/p>\n<p>Trotz negativer Nebenwirkungen, die durch unbedachte Ver\u00e4nderungen bereits verursacht wurden, fu\u00dft im Vertrauen auf die Lernf\u00e4higkeit der Menschen die begr\u00fcndete Zuversicht, dass es m\u00f6glich ist, aus diesen Fehlern zu lernen und schlie\u00dflich mehr Positives als Negatives mit den Verbesserungsversuchen zu bewirken. Zu respektieren bleibt, dass einige der von den bedingenden Komponenten erzeugten Grenzen noch nicht oder nur sehr schwer ver\u00e4nderbar sind. Zudem ist zu ber\u00fccksichtigen, dass viele Menschen die ursachenbezogenen Orientierung bevorzugen und an den Bedingungen, die f\u00fcr ihre Erfahrungsbildung pr\u00e4gend sind, festhalten wollen.<\/p>\n<p>Die mit den bedingenden Komponenten \u00e4sthetischer Erfahrung korrespondierende Kategorie f\u00fcr spezifische Gestaltung oder Design sollte daher sowohl diese Grenzen mit beachten als auch darauf hinwirken, die Erfahrungskreation weiter aus den ihr oft willk\u00fcrlich oder zuf\u00e4llig auferlegten Bedingungen zu befreien (<a href=\"\/design\/6-antizipierendes\/6-2-kategorie-der-perspektivitaet-von-design-in-korrespondenz-zur-antizipierenden-verbesserung-aesthetischer-erfahrung\/\">vgl. Kapitel 6.2<\/a>). Diese Kategorie l\u00e4sst sich durch die Eigenschaft der Potentialit\u00e4t charakterisieren. Beachtung der Grenzen hei\u00dft, dass eine spezifische Gestaltung einerseits den als gegeben angenommenen Bedingungen entspricht und die Erwartungen eines Menschen erf\u00fcllt. Die Ausweitung der Bedingungen ist zum Beispiel dadurch zu erreichen, dass ein Designprodukt in sich bereits das Potential zur Ausweitung enth\u00e4lt, welches ein Nutzer f\u00fcr sich erschlie\u00dfen kann, aber nicht muss.<\/p>\n<p>Als wesentlich f\u00fcr die Relation der Teilprozesse zur ursachenbezogenen Orientierung von Erfahrung kann somit die Korrespondenz der bedingenden Komponenten \u00e4sthetischer Erfahrung zur Kategorie der Potentialit\u00e4t von Design hervorgehoben werden. Die Interpretation der Potentialit\u00e4t orientiert sich an einer sp\u00e4ter ausf\u00fchrlicher herauszustellenden Eigenschaft der \u00e4sthetischen Erfahrung, der Freiwilligkeit (<a href=\"\/design\/2-design-und\/2-2-3-imaginative-qualitaet-als-bewusst-gefuehlte-akzentuierung-aesthetischer-erfahrung-und-prospektive-aktualitaet-von-design\/\">vgl. Kapitel 2.2.3<\/a>). Diesem Verst\u00e4ndnis der \u00e4sthetischen Erfahrung entsprechend ist das Bestreben, durch Design sozusagen eine zwanghafte, von den Betroffenen nicht gew\u00fcnschte Befreiung aus den Erfahrungsbedingungen vorantreiben zu wollen, unzul\u00e4ssig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dominiert eine ursachenbezogene Organisationsorientierung die Kreation von Erfahrung, so wird dadurch die Entfaltung der Teilprozesse beeinflusst. 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