{"id":198,"date":"2020-12-16T13:52:00","date_gmt":"2020-12-16T12:52:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/?page_id=198"},"modified":"2020-12-29T12:28:26","modified_gmt":"2020-12-29T11:28:26","slug":"1-4-differenzierte-richtlinien-fuer-design-in-korrespondenz-zur-vielfalt-aesthetischer-erfahrung","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/1-design-und-aesthetische-erfahrung-innerhalb-der-wirklichkeitsbildenden-basis-von-erfahrung\/1-4-differenzierte-richtlinien-fuer-design-in-korrespondenz-zur-vielfalt-aesthetischer-erfahrung\/","title":{"rendered":"1.4 Differenzierte Richtlinien f\u00fcr Design in Korrespondenz zur Vielfalt \u00e4sthetischer Erfahrung"},"content":{"rendered":"<p>Nach Herleitung der Grundeinteilung, die auf dem Modell einer Korrespondenz von Design und \u00e4sthetischer Erfahrung in Relation zu den stabilisierenden Orientierungen von Erfahrung basiert, ist im Folgenden die weitere Vorgehensweise darzulegen (vgl. Abbildung 3), um differenzierte Richtlinien f\u00fcr Design in Korrespondenz zur Vielfalt \u00e4sthetischer Erfahrung zu entwickeln. Diese sind nicht als feststehende Sezieranleitung ein f\u00fcr allemal instrumentalisierbar, sondern eher graduell einstellbaren Filtern vergleichbar, die von Fall zu Fall auszuw\u00e4hlen und einzujustieren sind. Da Design nicht als Machtinstrument zur neutralisierenden Angleichung der vielf\u00e4ltigen Lebensperspektiven genutzt werden soll, m\u00fcssen Designer \u00e4sthetische Ausdrucksformen finden, die sich zunehmend aus den Lebenswirklichkeiten und den dadurch definierten \u00e4sthetischen Erfahrungsqualit\u00e4ten von Individuen herleiten und nicht aus einem standardisierten, puristischen, disziplin\u00e4r tradierten Formenrepertoire, dessen Beherrschung vielen Designern als Legitimation dient.<\/p>\n<p>\u00c4sthetische Erfahrung als Teilprozess der wirklichkeitsbildenen Basis von Erfahrung verfolgt keine Erkenntniszwecke und dient keinem Nutzen, aber sie stellt in Beziehung auf das eigene Selbst, auf die Mitmenschen und die Welt (<a href=\"\/design\/2-design-und\/\">vgl. Kapitel 2<\/a>) Erlebnismomente bereit, welche unbezweifelbar die Lebensfreude vertiefen. Zudem lassen sie qualitative Aspekte des Lebens vor jeder moralischen oder ethischen Argumentation sp\u00fcrbar werden, da mit der Fl\u00fcchtigkeit einer \u00e4sthetischen Erfahrung die Verg\u00e4nglichkeit des Lebens bewusst wird. In der \u00e4sthetischen Erfahrung werden weder das Selbst noch die Mitmenschen oder die Welt instrumentalisiert. Deshalb verstellen weder Egoismus noch Unterdr\u00fcckungsgel\u00fcste, Machtdemonstrationen oder Willk\u00fcr das Bewusstsein Vielmehr w\u00e4chst, indem das Leben gen\u00fcgend Zeit f\u00fcr \u00e4sthetische Erfahrungen bietet, aus dem eingel\u00f6sten Vertrauen auf die M\u00f6glichkeit von Lebensqualit\u00e4t Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Lebensfreude anderer Menschen, die Achtung vor dem Leben an sich und Hoffnung auf die Fortsetzung von Leben \u00fcber das Ende der eigenen Existenz hinaus.<\/p>\n<p>Der Begriff der Lebensqualit\u00e4t oder des guten Lebens wird in den folgenden Analysen zwar selten benannt, durchzieht aber letztlich alle \u00dcberlegungen. Die verg\u00e4ngliche Sequenz einer \u00e4sthetischen Erfahrung mit der zugeh\u00f6rigen besonderen Qualit\u00e4t des Erlebens geht als wertvoller Moment in das individuelle Leben ein. Er kann zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt, in dem die aktuelle Lebenssituation wenig M\u00f6glichkeiten zur Entfaltung von \u00e4sthetischer Erfahrung anbietet, aus der Erinnerung lebendig werden und ein positives Lebensgef\u00fchl wach halten. Durch wiederholtes Erleben verschiedenster \u00e4sthetischer Erfahrungsqualit\u00e4ten kann sich, ungeachtet negativer Ereignisse, eine dauerhafte, positive Einsch\u00e4tzung von Lebensqualit\u00e4t erhalten.<\/p>\n<p>So wichtig die subjektive Konkretisierung von Lebensqualit\u00e4t ist, darf doch nicht \u00fcbersehen werden, dass ihr Potential in Abh\u00e4ngigkeit zum sozialen Gef\u00fcge steht. Gerade in der heutigen, westlichen Welt, in der das leibliche Wohl der meisten Menschen gesichert ist und in der durch die zunehmende Automatisierung immer mehr Freizeit entsteht, sind viele Menschen unf\u00e4hig, \u00e4sthetische Erfahrungen im definierten Sinne zu entfalten, denn nur wer etwas N\u00fctzliches leistet, findet soziale Anerkennung. Die Verinnerlichung dieses Diktums der Leistungsgesellschaft erzeugt bei einem Teil der Menschen, die sich ausgeschlossen f\u00fchlen, die Grundstimmung, sich selbst als nutzlos zu betrachten, und verschlie\u00dft den Erfahrungsraum f\u00fcr die Chance der \u00e4sthetischen Erfahrung. Ein weiterer gro\u00dfer Anteil der Menschen hetzt irgendwelchen Erlebnisangeboten nach, die gleichsam abgearbeitet werden, ohne als \u00e4sthetische Erfahrung, die den bisherigen Erfahrungsschatz vertieft und bereichert, zur Entfaltung zu gelangen.<\/p>\n<p>Eine zu weite Definition von Lebensqualit\u00e4t ignoriert faktische Unterschiede, denn die Aussichten eines Stra\u00dfenkindes auf ein qualitativ erf\u00fclltes Leben sind wenig erfolgversprechend. Eine zu enge Definition von Lebensqualit\u00e4t ist gef\u00e4hrlich, denn sie verleitet dazu, Menschen, deren Lebensverh\u00e4ltnisse dieser Norm nicht entsprechen, mit \u00fcberheblichem Mitleid zu behandeln, doch ihr Leben insgeheim abzuwerten. Die Problematik des Begriffs der Lebensqualit\u00e4t, der erst seit circa drei\u00dfig Jahren popul\u00e4r ist, liegt genau darin, dass er zwar gepr\u00e4gt wurde, um die rein quantitativen Fortschritte der modernen Lebensumst\u00e4nde zu kritisieren und eine zeitgem\u00e4\u00dfe Bezeichnung f\u00fcr den tradierten philosophischen Begriff des guten Lebens einzuf\u00fchren, dann aber zunehmend nur noch anhand von statistischen Daten dargestellt wurde.<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbDamit wird allerdings das Verst\u00e4ndnis von Lebensqualit\u00e4t praktisch weitgehend mit der Suche nach einem Gesamtma\u00df des Lebensstandards verbunden. Wenn es auch im einzelnen sinnvoll sein kann, soziale Indikatoren zu erheben (als Teil einer Sozialstatistik etwa), so ist doch die Vorstellung problematisch, es k\u00f6nne \u00fcber die Aggregation einer Liste rein quantitativer Gr\u00f6\u00dfen ein (nicht-willk\u00fcrliches) quantitatives Analogon des Bruttosozialprodukts gewonnen werden, das dann einen qualitativen Vergleich der Lebensqualit\u00e4t gesellschaftlicher Systeme erm\u00f6glicht.\u00ab (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">Mittelstra\u00df Hrsg., EPWT 1996, Art. Lebensqualit\u00e4t<\/a>)<\/p><\/blockquote>\n<p>Der beste Lebensstandard sichert nicht die Konkretisierung von Lebensqualit\u00e4t. Diese ist vielmehr anhand der Verf\u00fcgbarkeit und Einl\u00f6sung von solchen Angeboten, welche zur flexiblen, die Entscheidungsfreiheit der Individuen respektierenden und deren Lebensperspektiven entsprechenden Lebensgestaltung anregen, immer wieder aktuell zu bewerten. Auf die dargelegte Ausgangsthese und Zielsetzung dieser Untersuchungen bezogen, hat Design die Aufgabe, solche Angebote im Hinblick auf ihre positive Einbindbarkeit in die \u00e4sthetische Erfahrung zu gestalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Herleitung der Grundeinteilung, die auf dem Modell einer Korrespondenz von Design und \u00e4sthetischer Erfahrung in Relation zu den stabilisierenden Orientierungen von Erfahrung basiert, ist im Folgenden die weitere Vorgehensweise darzulegen (vgl. Abbildung 3), um differenzierte Richtlinien f\u00fcr Design in&hellip;  <\/p>\n<p class=\"more-link\"><a href=\"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/1-design-und-aesthetische-erfahrung-innerhalb-der-wirklichkeitsbildenden-basis-von-erfahrung\/1-4-differenzierte-richtlinien-fuer-design-in-korrespondenz-zur-vielfalt-aesthetischer-erfahrung\/\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":7,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/198"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=198"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/198\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1358,"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/198\/revisions\/1358"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/7"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=198"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}