{"id":103,"date":"2015-11-30T17:17:19","date_gmt":"2015-11-30T16:17:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/?page_id=103"},"modified":"2020-12-29T14:17:24","modified_gmt":"2020-12-29T13:17:24","slug":"3-2-1-somatische-tendenz-aesthetischer-erfahrung-und-sensitives-potential-von-design","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.vrabek.de\/design\/3-subliminales\/3-2-1-somatische-tendenz-aesthetischer-erfahrung-und-sensitives-potential-von-design\/","title":{"rendered":"3.2.1 Somatische Tendenz \u00e4sthetischer Erfahrung und sensitives Potential von Design"},"content":{"rendered":"<p>Die somatische Tendenz erzeugt den k\u00f6rperbezogenen Erfahrungsbereich. In die zugeh\u00f6rige \u00e4sthetische Erfahrung k\u00f6nnen alle k\u00f6rperlichen Empfindung von der Nahrungsaufnahme und -verdauung, den Sinnesorganen, dem Bewegungsgef\u00fchl usw. bis zu Schmerz oder Lust einflie\u00dfen. Zwar bildet sich im Lauf einer normalen Ontogenese aufgrund der genetischen Anlagen ein elementares K\u00f6rperschema aus, doch damit dieses aufrechterhalten und st\u00e4ndig korrigiert werden kann, ben\u00f6tigt der K\u00f6rper sensomotorische R\u00fcckmeldungen, durch die er immer in der Lage ist zu unterscheiden, ob beispielsweise der eigene Finger Druck auf eine Oberfl\u00e4che aus\u00fcbt oder ob diese gegen den Finger dr\u00fcckt. Die Registrierung eines k\u00f6rperlichen Feedbacks ist f\u00fcr das subjektive Wirklichkeitsempfinden entscheidend.<\/p>\n<p>Das meist unbewusst bleibende K\u00f6rperschema fungiert als sicheres Unterscheidungsinstrument zwischen Innen- und Au\u00dfenwelt und ist nicht mit dem sozial beeinflussten K\u00f6rperbild zu verwechseln. So f\u00fchlen sich korpulente Menschen h\u00e4ufig innerlich warm und beschwingt, locker und leicht beweglich. Ihr subliminal konstruiertes K\u00f6rperschema kontrastiert mit dem sozial konstruierten K\u00f6rperbild, das dicke Menschen als tr\u00e4ge und fad darstellt. Zum Gl\u00fcck orientieren sich viele Menschen st\u00e4rker am Selbstgef\u00fchl ihres K\u00f6rpers als an sozialen Vorgaben und durchbrechen dadurch Vorurteile. Zur Bejahung des eigenen inneren K\u00f6rperschemas geh\u00f6rt in Konfliktf\u00e4llen ein starkes Selbstwertgef\u00fchl. Kann dieses dem bestehenden oder nur vermeintlich angenommenen Druck des sozialen K\u00f6rperbildes nicht standhalten, treten Ess- oder Haltungsst\u00f6rungen auf und der eigene K\u00f6rper wird vom organischen Medium zur kreativen Entfaltung und \u00e4sthetischem Erleben (<a href=\"\/design\/5-mediales\/\">vgl. Kapitel 5<\/a>) zunehmend zum entseelten, kontextuellen Medium f\u00fcr soziale, situative Interaktion. W\u00e4hrend Menschen, die professionell mit ihrem K\u00f6rper als Medium arbeiten wie Models, Schauspieler, Artisten usw. durch Training lernen, mit dem Unterschied zwischen ihrem innerlichen K\u00f6rperschema und dem nach au\u00dfen vermittelten K\u00f6rperbild umzugehen, fehlt Menschen mit gest\u00f6rtem K\u00f6rperschema diese Unterscheidungsf\u00e4higkeit ebenso wie die F\u00e4higkeit, den K\u00f6rper in seinem Sosein, seiner ureigensten \u00e4sthetischen Qualit\u00e4t zu empfinden.<\/p>\n<p>Die Binsenweisheit, dass selbst ein willensstarker Geist oft vor dem schwachen Fleisch kapituliert, verdeutlicht das Durchsetzungsverm\u00f6gen der subliminal gesteuerten Eigendynamik der somatischen Tendenz gegen\u00fcber bewusster Willensanstrengung oder sozialer Manipulation. Im Wissen um die Wechselwirkungen von Geist und K\u00f6rper und um ihre Untrennbarkeit sollte der somatischen Tendenz und ihren in das Bewusstsein dringenden \u00e4sthetischen Qualit\u00e4ten mehr Aufmerksamkeit zukommen. Auf das individuelle K\u00f6rperempfinden eingehendes, sensitive Aspekte besonders ber\u00fccksichtigendes Design k\u00f6nnte mit dazu beitragen, dass Menschen sich in ihrem K\u00f6rper wohl f\u00fchlen, selbstbewusst ihr K\u00f6rperschema annehmen und sich nicht lebenslang von einseitigen, unerreichbaren Sch\u00f6nheitsidealen einschn\u00fcren lassen. Das hei\u00dft, dass neben der kommunikativen Funktion als ein \u00e4sthetischer Aspekt des Modedesigns auch die sensitive Funktion als Beitrag zur Qualit\u00e4t der k\u00f6rperlichen \u00e4sthetischen Erfahrung st\u00e4rker durch Design eingebracht werden sollte.<\/p>\n<p>Heutiger Komfort erleichtert es, jederzeit k\u00f6rperliche Anspannungen sofort zu l\u00f6sen oder sie zum Vergn\u00fcgen zu erzeugen. Trotzdem bleibt die Frage zu entscheiden, welche Angebote dem eigenen K\u00f6rper guttun. Diese Entscheidungsf\u00e4higkeit spricht Paul Virilio in einem Essay (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">vgl. Virilio, 1996<\/a>) ab. Er charakterisiert den heutigen Menschen als \u00fcberreizt und mit der Wertung und Selektion der ihn umgebenden Reizangebote \u00fcberfordert. Im Gegensatz dazu ist eine zunehmende Suche nach \u00e4sthetischen Qualit\u00e4ten des K\u00f6rpererlebens zu beobachten. Zun\u00e4chst unbemerkt von der intellektuellen Reflexion nahm beispielsweise das Interesse an aktivem Bodybuilding in den letzten Jahrzehnten stark zu. Vordergr\u00fcndig ist die Pr\u00e4sentation des K\u00f6rpers das Ziel. Um dies zu erreichen ist die genaue Kenntnis des K\u00f6rpers unverzichtbar. Zeichen von Anspannung sind richtig zu deuten und um den K\u00f6rper gezielt zu formen ist es erforderlich, die gesamte Lebensweise umstellen. Auch in allt\u00e4glichen Erfahrungsbereichen erf\u00e4hrt der K\u00f6rperkult einen bereits langanhaltenden Boom. Menschen sp\u00fcren, dass sie mit der Missachtung k\u00f6rperlicher Existenzbedingungen wie gesunder Luft und Nahrung, Sexualit\u00e4t, Schmerzen, Alterungsprozesse zugunsten bewusster, intellektueller Zielsetzungen, einen wichtigen Teil ihres Selbst verlieren und versuchen die somatische Tendenz wieder st\u00e4rker in ein ganzheitliches Selbstverst\u00e4ndnis einzubeziehen.<\/p>\n<p>Im Zuge der Moderne waren auch die Designer von der zivilisatorischen Entwicklung zum Geistigen unter Verabschiedung des K\u00f6rperlichen, bzw. des Materiellen \u00fcberzeugt. Eine Fotoserie von Bauh\u00e4uslern zur Illustration der Entwicklung des Stuhles zeigt nach dem Freischwinger Marcel Breuers am Ende die Vision einer Lufts\u00e4ule als entmaterialisiertes Design. Die von Japan ausgehende Miniaturisierung und technische Optimierung von Ger\u00e4ten gipfelte in den 80er Jahren in Produkten, deren zierliche Tastaturen kaum mehr zu bedienen waren und die Firma Siemens pr\u00e4sentierte auf Fl\u00e4chen reduzierte Designstudien zu Kommunikationsger\u00e4ten von T\u00f6nis K\u00e4o (<a href=\"\/design\/literaturverzeichnis\/\">in: Design heute, 1988<\/a>). Durch solche Entw\u00fcrfe wurde zum einen das Bewusstsein um die Wichtigkeit benutzungsfreundlicher Schnittstellen im Design geweckt und zum anderen, als ein Gegentrend zum Immateriellen, die K\u00f6rperlichkeit neu entdeckt. Die Firma Alessi brachte 1996 eine Serie von Haushaltsger\u00e4ten auf dem Markt, welche durch ihre Volumin\u00f6sit\u00e4t die haptische Sensibilit\u00e4t anspricht. Dies sind Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr sensitives, auf die somatische Tendenz abgestimmtes Design.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die somatische Tendenz erzeugt den k\u00f6rperbezogenen Erfahrungsbereich. In die zugeh\u00f6rige \u00e4sthetische Erfahrung k\u00f6nnen alle k\u00f6rperlichen Empfindung von der Nahrungsaufnahme und -verdauung, den Sinnesorganen, dem Bewegungsgef\u00fchl usw. bis zu Schmerz oder Lust einflie\u00dfen. 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